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Schicksalstage - Kapitel 5

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Die nächsten Tage verlaufen relativ ereignislos. Ich gehe jeden Tag zur Schule und treffe mich nachmittags entweder mit Cassy, Damian oder auch mal mit beiden. Ich weiß nicht warum, habe aber das Gefühl, dass die beiden sich nicht wirklich gut ausstehen können. Und das ausgerechnet jetzt, wo ich beide als Freunde brauche.

Gegen Abend schaue ich meistens noch nach meinem kleinen Wildkaninchen, das sich immer mehr an mich gewöhnt hat und sich inzwischen auch von mir streicheln lässt. Mich mit ihm zu beschäftigen, lenkt mich von der Trauer über Bastis Tod ab und hilft mir recht gut dabei, über den Verlust meines Freundes hinweg zu kommen. Auch die Anteilnahme meiner Familie hilft mir über die eine oder andere schwere Stunde hinweg. Insbesondere meine kleine Schwester ist mir ein treuer Beistand. Gestern habe ich sie mit zu meinem Wildkaninchen genommen. Sie war hell auf begeistert. Einzig, dass sich das Wildkaninchen von ihr nicht streicheln lassen wollte und schnell das Weite gesucht hat, fand sie nicht so toll. Cassy findet es ebenfalls echt süß, dass ich ein so zutrauliches, kleines Wildkaninchen im Wald hinter meinem Haus habe. Heute oder morgen werde ich sie auch mal mitnehmen.

Genau eine Woche nach Bastis Tod ruft mich seine Mutter an, um mir mitzuteilen, dass Bastis Beerdigung am Samstag in 14 Tagen stattfindet. Als ich sie frage, warum sich das denn noch so lange hinzieht, erklärt sie mir: "So, wie ich das verstanden habe, dauern wohl die forensischen Ermittlungen bezüglich des Unfalls noch an. Basti kann, zusammen mit allen anderen Unfallopfern, wohl erst nach deren Abschluss beerdigt werden. Außerdem wird auch noch untersucht, ob und wie der Unfall hätte vermieden werden können. Wie du ja weißt, verkehrt der Schnellzug erst seit kurzem auf dieser Bahnstrecke. Der Bahnübergang hätte beschrankt werden müssen, sobald die Strecke für den Schnellzug freigegeben wurde. Diese Schlamperheinis von der Bahn haben das aber ganz offenbar vergessen. Da musste erst mein Sohn sterben, damit denen das mal auffällt. Ich hoffe mal, dass denen vor Gericht ordentlich die Leviten gelesen werden!", schließt sie erbost.

"Vielen Dank für die Erklärung, Frau Köhler. Das es erst soweit kommen musste, ist wirklich unfassbar. Ich hoffe mal, dass der Bahnübergang jetzt so schnell wie möglich beschrankt wird, bevor noch so eine Katastrophe passiert.", überlege ich laut.
  "Ja, Olli, da mach dir mal keine Sorgen.", entgegnet mir Bastis Mutter mit vor Entrüstung erregter Stimme. "Schon am Wochenende war die Schranke installiert. So schwierig war das offenbar nicht, nachdem etliche Leute gestorben sind. Ich kann wirklich nur hoffen, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden! Das macht meinen Sohn auch nicht wieder lebendig, aber vielleicht kann ich wieder ruhiger schlafen, wenn ich weiß, dass diese Halodries für ihre Schlampereien büßen müssen."
  "Hmm", antworte ich, weil ich nicht genau weiß, was ich sagen soll. Nach einer Weile füge ich hinzu: "Ja, Frau Köhler, da kann ich Ihnen nur zustimmen. Ich hoffe auch das Basti und allen anderen Unfallopfern Gerechtigkeit zuteilwird." Wir verabschieden uns von einander und legen auf.

Ich bin noch tief bewegt und bete, dass tatsächlich Gerechtigkeit geübt werden würde, fühle mich gleichzeitig aber seltsam ohnmächtig. Ich bin tief erschüttert über das Ausmaß und die verheerenden Folgen menschlichen Versagens und es fällt mir schwer wieder zum Alltag über zu gehen. Zum Glück habe ich heute meine Hausaufgaben schon erledigt, so dass ich zu unseren Nachbarn gehen kann, um mit deren Hund, einem Golden Retriever namens Benno, Gassi zu gehen. Der Tag neigt sich schon dem Abend entgegen und die laue, klare Luft tut mir gut. Benno merkt, dass ich noch immer etwas verstimmt bin und versucht mich aufzuheitern, indem er Stöckchen aufliest. Bald nehme ich die Aufforderung an und wir spielen Stöckchen holen.

Den nächsten Samstag verbringe ich wieder mit Cassy. Wir gehen ins Schwimmbad in der Stadt. Nachdem wir etliche Bahnen geschwommen und ein paar Mal um die Wette gerutscht sind, gehen wir in den Grottenbereich, der scheinbar extra für Verliebte eingerichtet wurde. In der Grotte gibt es Whirlbänke, die zum entspannen und kuscheln einladen. Ich bin gerade dabei, mich an Cassy anzuschmiegen, als sie sagt: "Schatz, seit wann kennst du Damian eigentlich?"
  "Seit bald neun Jahren. Er ist mit seinen Eltern in unser Dorf gezogen, kurz bevor er in die Schule kam. Seit der ersten Klasse waren wir dann immer zusammen in der Klasse. Warum?", erwidere ich.
  "Ich habe ihn ja erst durch dich kennen gelernt und irgendwie ist er mir nicht wirklich sympathisch. Er verhält sich immer so dermaßen kindisch, dass es mir echt peinlich ist, wenn wir zu dritt unterwegs sind.", erklärt Cassy.
  "Hmm, ok. Wir müssen ja nicht unbedingt was mit ihm gemeinsam unternehmen. Nur weil er mein Kumpel ist, muss er ja nicht auch deiner werden.", wende ich ein. Cassy gibt sich damit zufrieden und wir fangen damit an, uns zu streicheln und zu küssen.

Einige Tage später treffe ich mich nachmittags mit Damian zum Billard spielen. Nachdem ich zwei Runden nacheinander knapp gewonnen habe, meine ich zu ihm: "Hey Alter, Lust auf ne Cola? Du schlägst mich ja heute doch nicht mehr!"
  "Sei dir da mal nicht so sicher!", gibt Damian zurück. "Wir können uns ja erst mal mit ner Cola stärken und dann sehen, wer von uns aus fünf Runden mehr gewinnt!"
  Gesagt, getan. Wir gehen zur Theke und bestellen zwei eisgekühlte Colas. Damian fragt: "Und wie läuft's mit dir und Cassy?"
  "Ganz gut.", gebe ich knapp zurück.
  Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich Damian von Cassys Unbehagen ihm gegenüber erzählen soll, entscheide mich dann jedoch dagegen. Stattdessen fahre ich fort: "Wir kommen super miteinander zurecht, teilen viele Interessen und im Bett ist sie eine echte Granate."
  "Das freut mich für dich. Ich weiß zwar nicht so recht, was du an der arroganten Schnepfe findest, aber wenn du mit ihr glücklich bist, soll's mir recht sein."
  Wir trinken unsere Colas aus und gehen zurück zum Billardtisch. Das Glück dreht sich nun etwas. Damian gewinnt die nächsten beiden Runden. So kommt es zur alles entscheidenden letzten Runde.

Nachdem Damian und ich die Billardkugeln auf den Tisch gelegt haben und Damian sie in die Startaufstellung gebracht hat, habe ich den ersten Stoß. Ich platziere die weiße Kugel auf der Grundlinie. Mit dem Queue stoße ich sie so, dass die Kugeln wild durcheinander rollen. Eine Halbe läuft dabei in die hintere linke Tasche. So bekomme ich die Halben und Damian die Ganzen. Nach einem missglückten weiteren Stoß ist Damian an der Reihe. Geschickt spielt er die Weiße so, dass er zwei seiner Kugeln versenkt. Er ist noch einmal dran. Es gelingt ihm aber nicht, eine weitere Kugel einzulochen. Ich bin nun wieder dran und ziele mit dem Queue so, dass die Weiße halb angeschnitten wird und durch den Effet genau die grüne Kugel versenken müsste. Dummerweise rutsche ich aber ab und stoße die Weiße mittig. Dadurch rollt sie direkt gerade aus, trifft auf die schwarze Kugel mit der Nummer 8, versenkt sie und ich habe verloren.

Zunächst noch völlig verdattert, könnte ich mich grün und blau ärgern. Ich versuche zwar die Fassung zu bewahren, ein "Verdammte Scheiße!" rutscht mir dennoch raus. Nachdem ich mich etwas abgeregt habe, gratuliere ich Damian zum gewonnenen Spiel. Er meint nur lakonisch, "Tja, wer zuletzt lacht, lacht am besten!", was mich wiederum recht arg wurmt. Etwas entgegen kommend meint Damian dann, "Ach, mach dir nichts draus Alter. Nächstes Mal gewinnst du wieder." Wir verlassen den Billard Club und machen uns auf den Heimweg.

Am Samstag, anderthalb Wochen später, ist Bastis Beerdigung. Neben meiner Familie begleiten mich auch Cassy und Damian. Die Rivalität zwischen beiden um meine Aufmerksamkeit ist spürbar. Ich hatte gehofft, sie könnten sich zumindest an diesem wichtigen Tag etwas zurückhalten. Doch obwohl sie es mit keinem Wort aussprechen, kann ich ihre gegenseitige Ablehnung klarer aus ihren Blicken lesen, als mir lieb ist. Reichte es nicht, dass mein bester Freund mitten aus dem Leben gerissen wurde? Mussten sich jetzt auch noch die zwei Menschen, die mir außer meiner Familie am wichtigsten waren, gegenseitig so wenig ausstehen können? Nicht nur in Sachen Wetter hatte es heute noch mal einen ziemlichen Kälteeinbruch gegeben.

Um die Angehörigen, Klassenkameraden, Lehrer und sonstigen Betroffenen nicht über Gebühr zu strapazieren, werden alle Schüler, die Opfer des Verkehrsunfalls geworden waren, zusammen beigesetzt. Der Pastor der Dorfkirche hält eine bewegende Rede.

"Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrter Herr Landrat, sehr geehrter Herr Direktor, liebe Eltern, Geschwister und Freunde, liebe Lehrer und Klassenkameraden, liebe Trauergemeinde, wir haben uns heute hier im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes versammelt, um der Schüler, die vor etwas über drei Wochen Opfer des tragischen Verkehrsunfalls geworden sind, zu gedenken und um ewigen Frieden für ihre Seelen zu erbitten.

Wenn junge Menschen so plötzlich aus dem Leben gerissen werden, hinterlassen sie tiefe Lücken. Träume und Zukunftspläne sind jäh zerstoben. Kinder haben ihre Freunde, Eltern ihre Kinder, Lehrer ihre Schüler und Schüler ihre Klassenkameraden verloren.

Wir denken an alle schönen Momente, die wir mit ihnen verbrachten. Wir denken an alles Lachen, an alle Freude, aber auch an manchen Schabernack. Wir denken an ihre Pläne und ihre kleinen und großen Vorhaben. In tiefer Trauer um sie sind wir heute verbunden. Was kann uns in dieser Situation Trost spenden, was Hoffnung geben?

Als Hinterbliebene liegt es nun an uns, uns gegenseitig zu trösten, uns Zeit für einander zu nehmen, einander zuzuhören. Wir sind aufgefordert uns auch praktisch um einander zu kümmern und auch wenn das die Verstorbenen nicht ersetzen kann, für einander da zu sein. So wie auch unser Herr Jesus sagte, 'Siehe Mutter, dein Sohn.' und 'Siehe Sohn, deine Mutter', bevor er am Kreuz verstarb und seinen Lieben so auftrug, sich um einander zu kümmern, ist es nun an uns für einander da zu sein.

Der Herr Jesus hat uns allen vor seinem Tod einen Beistand und Tröster versprochen. Dieser Tröster ist der Heilige Geist. Er befähigt jeden, der ihn empfängt, zu jedem guten Werk. Er tröstet, liebt und heilt alle Wunden, die durch den Verlust der Verstorbenen geschlagen wurden.

Herr, unser Gott, wir bitten dich nun, nimm unsere auf so tragische Weise verstorbenen Kinder, Geschwister, Schüler, Klassenkameraden und Freunde an, sei Du ihnen gnädig, lass sie in dein Himmelreich ein und schenke ihnen ewigen Frieden.

Herr, unser Gott, wir bitten dich, tröste Du uns, richte uns auf, gib uns neue Hoffnung und Kraft durch deinen Heiligen Geist. Lass uns für einander da sein und uns in dieser schweren Zeit gegenseitig beistehen und helfen. Öffne unsere Herzen, so dass wir auch Hilfe annehmen können und heile Du alle Wunden, die durch den plötzlichen Verlust geliebter Menschen gerissen wurden.

Das erbitten wir im Namen Jesu Christi. Amen."

Nachdem wir noch einige Kirchenlieder gesungen haben, gehen wir in andächtiger Prozession von der Dorfkirche zum nahe gelegenen Friedhof. Vier starke Männer pro Grab heben die Särge an und lassen sie langsam in die Gräber herab. Ich werfe Blumen in Bastis Grab, halte inne und nehme leise Abschied von meinem Freund. Meine Familie, Cassy und Damian tun es mir gleich.

Sobald das Begräbnis beendet ist, fahren wir zurück in unser Dorf und kehren in die Dorfgaststätte zum Leichenschmaus ein. Obwohl es vorzüglich schmeckt, habe ich kaum Appetit und stochere mehr auf meinem Teller herum, als das ich esse. Meine Mutter, die mir gegenüber sitzt, bemerkt es und wirft mir einen aufmunternden Blick zu. Allein ich bin zu missmutig um ihn zu erwidern.

Nach dem Essen fahren mein Vater und ich Damian und Cassy nach Hause. Nachdem wir zunächst Damian rausgelassen haben, hebt sich meine Stimmung etwas. Die Spannung zwischen ihm und Cassy hat nicht eben zu meinem Wohlbefinden beigetragen. Jetzt, da er weg ist, geht es mir besser. Es dauert nicht lange, bis wir in Cassys Dorf angekommen sind und auch sie unser Auto verlässt. Wie üblich gebe ich ihr noch einen Abschiedskuss. Dann sind wir auch schon wieder auf der Rückfahrt. Mein Vater, zu dem ich sowieso nur ein eher oberflächliches Verhältnis habe, spricht mich nicht auf mein Befinden an. Vielleicht ist er in Gedanken schon wieder bei seinen geschäftlichen Problemen. Vielleicht will er sich aber auch einfach keine Abfuhr von mir abholen. Dabei würde ich jetzt gern mit ihm reden, finde aber nicht die richtigen Worte. So kommen wir ohne ein Wort gewechselt zu haben zu Hause an.

Den Rest des Tages verbringe ich im Kreise meiner Familie und denke noch oft an Basti und unsere vergangenen Zeiten zusammen. Am Nachmittag versuchen meine Geschwister, mich ein wenig aufzuheitern und schlagen vor, gemeinsam Monopoly zu spielen. Ich willige ein und so sitzen wir bald zusammen und kaufen Bahnhöfe und Straßen und bauen Häuser und Hotels. Zu meiner eigenen Verwunderung schlage ich mich ganz gut und gehe am Ende als Sieger aus dem Spiel hervor.

Gegen Abend gehe ich allein mit etwas Futter in den Wald. Ob sich das kleine Wildkaninchen wohl heute wieder blicken lässt?


Fortsetzung folgt...

Schicksalstage - Kapitel 4

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Der Abend bricht an. Cassy und ich sind hungrig geworden und überlegen gerade, ob wir zum Abendessen ins griechische Bistro oder zum Araber gehen wollen. Der Araber hat den Vorteil, dass er über eine Dachterrasse verfügt. Da der Abend lau ist und wir die Aussicht über die malerische Altstadt genießen wollen, entscheiden wir uns für ihn. Wir sind so damit beschäftigt, zu quatschen und zu flirten, dass ich nachher gar nicht sagen kann, wie mir das Essen geschmeckt hat. Da ich mich nicht erinnern kann, wird es aber wohl in Ordnung gewesen sein. Jetzt sind wir auf dem Weg ins Kino. Wir haben den Filmpalast kaum betreten, als Cassy auf Martin, einen hoch gewachsenen, dunkelhaarigen, gut aussehenden Mitschüler aus ihrer Klasse, aufmerksam wird. Sie steuert auf ihn und seine Kumpels zu, grüßt sie freundlich und stellt uns einander vor. Wir reden kurz darüber, in welchen Film wir gehen wollen und stellen fest, dass wir alle denselben Filmgeschmack teilen. Für heute soll es der neueste Action Blockbuster sein. Zum Glück ist noch ein Pärchen Doppelsitzplatz ziemlich in der Mitte frei, so dass Cassy und ich nicht nur den Film, sondern auch noch einander genießen können. Nachdem der Film vorbei ist, trennen sich unsere Wege und wir fahren jeweils mit einem der neuartigen selbstfahrenden Taxen nach Hause.

Zu Hause angekommen, muss ich wohl bis über beide Ohren grinsen, denn Tom meint leicht süffisant zu mir: "Na kleiner Bruder, hast du einen schönen Tag gehabt?" "Ja, einen sehr schönen sogar!", erwidere ich euphorisch. "Ich bin jetzt ganz offiziell mit Cassy Mayer aus der 10 B zusammen und wir hatten eine voll gute Zeit zusammen in der Stadt. Morgen machen wir zusammen eine Radtour. Und wie war dein Tag?" "Auch ganz ok. Ich hab mich mit ein paar der Jungs zum Fußball spielen getroffen. Es war echt gut, mal wieder was mit meinen alten Freunden zu machen. Jetzt, wo ich studiere, sehe ich die ja nicht mehr so häufig. Aber das weißt du ja.", antwortet Tom. "Ich will jetzt ins Bett, muss morgen früh raus. Also dann, gute Nacht.", sage ich. "Gute Nacht und träum was Schönes!", erwidert Tom. "Du auch."

Von einem schönen Traum kann unterdessen nicht die Rede sein. Eher von einem wild-chaotischen Durcheinander von Bildern und Tönen, auf die ich mir, als ich am nächsten Morgen wach werde, nicht den geringsten Reim machen kann. Da heute Samstag ist, schlafen alle länger. Alle außer mir. Ich bin tatsächlich schon gegen 5 Uhr wach und bekomme danach kein Auge mehr zu. Ich muss sowohl an Bastis Tod, als auch an Cassy und unseren schönen gestrigen Tag und die heutige Fahrradtour denken. Eigentlich hätte Basti dabei sein sollen. Bei diesem Gedanken schießen mir wieder die Tränen in die Augen. Dass Glück und Leid so nah beieinander liegen können, ist für mich eine völlig neue Erfahrung.


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Gegen halb sieben stehe ich auf. Nachdem ich mir rasch die Zähne geputzt und mich geduscht habe, nehme ich in der Küche mein Frühstück ein. Danach schnappe ich mir die Satteltasche, die unsere Köchin schon für die Fahrradtour vorbereitet hat, und gehe in die Garage. Ich befestige die Satteltasche an meinem Fahrrad, schiebe das Fahrrad aus der Garage und schwinge mich darauf. Kurze Zeit später fahre ich am Bach entlang immer leicht bergauf in Richtung des Dorfes, in dem Cassy wohnt. Die Luft ist noch recht kühl, der Himmel jedoch wolkenlos und zartblau und es verspricht ein schöner Tag zu werden. In Cassys Dorf angekommen, verlasse ich den Weg am Bach und fahre die steile Straße zur Anhöhe herauf, wo Cassys Eltern sich ein schmuckes Häuschen gebaut haben. Das Dorf erwacht langsam zum Leben. Hier kräht ein Hahn, da bellt ein Hund. Von der anderen Seite des Dorfs antwortet ein weiterer mit lautem Gekläff.

Bei Cassys Elternhaus angekommen, klingele ich kurz und muss gar nicht lange warten, bis mir meine Freundin die Tür öffnet. "Guten Morgen, Schatz!", begrüßt sie mich noch ein wenig verschlafen. "Guten Morgen, Liebling!", antworte ich, "Hast du gut geschlafen?" "Hmm, ja. Ich hab die ganze Nacht von uns geträumt und was wir so miteinander anstellen könnten. Es war herrlich.", sagt Cassy verschmitzt. Ich verspüre ein leichtes Kribbeln im Bauch, doch bevor ich das Gefühl vertiefen könnte, sagt Cassy: "Komm doch rein. Es gibt warmen Kakao und frische Brötchen. Meine Oma hat sie heute Morgen schon besorgt." Obwohl ich schon etwas gefrühstückt habe, lasse ich mir das nicht zweimal sagen. Warmer Kakao gehört schließlich zu meinen absoluten Lieblingsgetränken und frische Brötchen - wer kann da schon Nein sagen. Wir gehen zusammen ins Esszimmer und ich traue meinen Augen kaum. Durch die große Fensterfront hat man einen herrlichen Ausblick nach Südosten. Die Sonne schiebt sich gerade mit den ersten Strahlen über den Nadelwald der  östlichen Hügelkette. Im Südosten und Süden erstrecken sich Felder, Wiesen und Wälder soweit das Auge reicht, nur durch den einen oder anderen Hügel immer mal wieder unterbrochen. Am Horizont glitzert der See in der Sonne.

Nach unserem gemeinsamen Frühstück packt auch Cassy ihre Sachen aufs Fahrrad und wir radeln los. Es geht zunächst die Straße, die ich vorhin heraufgefahren bin, herab, über den Bach und dann nach links in Richtung der Weinhänge meiner Eltern. Sie lassen hier, unter der Aufsicht und Pflege fähiger Winzer, preisgekrönten Rot- und Weißwein der Sorten Cabernet Sauvignon und Sauvignon Blanc anbauen. Wir radeln den Weinberg hinauf, oben an der zierlichen Winzerkapelle vorbei und auf der Nordseite des Hügels wieder herab. Nach dem anstrengenden Anstieg, ist der kühle Fahrtwind im Schatten des Hügels sehr angenehm. Er streicht sanft über meine Haut. Cassys Haare flattern im Wind. Bald erreichen wir die nächste Hügelkette und fahren in Serpentinen den steinigen Waldweg herauf. Auch hier kommen wir auf der Hügelkuppe an einer kleinen Kapelle vorbei. Wir machen kurz Rast und essen und trinken ein wenig von unserem Proviant. Dann brechen wir wieder auf und fahren auf dem Grat der Hügelkette Richtung Süden. Als wollten unsere Ahnen die Hügelkette gegen böse Geister beschützen, kommen wir alle paar Kilometer an einer kleinen Kapelle vorbei. Jede ist einem anderen Schutzheiligen gewidmet.

Gegen Mittag gibt es ein paar weitere Höhenmeter zu überwinden, bevor wir an der verlassenen Ruine einer alten Burg ankommen. Wir steigen von unseren Fahrrädern ab, holen die Picknickdecke aus unserem Gepäck und breiten sie auf der Lichtung vor der Burg aus. Dann nehmen wir die belegten Brötchen, Salami und hart gekochten Eier, sowie die roten und gelben Paprikastreifen und die Kirschtomaten aus unserem Proviant und fangen an zu essen. Nachdem wir uns gesättigt und mit Apfelschorle unseren Durst gestillt haben, strecken wir uns aneinander gekuschelt auf der Decke aus. Wir hören den Vögeln des Waldes beim Singen zu und dösen, von der warmen Frühlingssonne gewärmt, vor uns hin. Plötzlich meint Cassy, "Hee, Olli, lass uns unsere Sachen packen und die Burgruine erkunden. Wir können die Picknickdecke und was zu Trinken mitnehmen. Den Rest packen wir wieder in die Satteltaschen. Wenn wir die Fahrräder anschließen, können wir sie hier lassen." Obwohl ich nicht genau weiß, wofür Cassy die Picknickdecke mitnehmen will, bin ich einverstanden und so machen wir uns kurz darauf auf den Weg.

Die Burgruine ist schon sehr alt und zerfallen. Überall wächst Gras aus den Ritzen zwischen den Steinen. Ich frage mich, wer hier wohl einst gelebt hat und welche Geschichten sich in diesen Gemäuern wohl schon so alles zugetragen haben mögen. Wir kommen durch enge Gässchen und niedrige Torbögen hindurch und stehen mit einem Mal vor einer kleinen Kammer. Es fällt kaum Licht herein, so dass uns nach dem Eintreten zunächst etwas unheimlich ist. Bald darauf haben sich unsere Augen jedoch an die Dunkelheit gewöhnt und wir entdecken am anderen Ende des Raums einen Kamin. Vor diesem legen wir nun unsere Picknickdecke aus und tun so, als würden wir uns am Kamin aufwärmen. Bald liegen wir aneinander gekuschelt auf der Picknickdecke und fangen an uns zu küssen und zu liebkosen. Fahre ich Cassy zunächst noch zärtlich über die Wange und über die Haare, wandert meine Hand bald unter ihr T-Shirt. Während sie meine Hose öffnet und mein erigiertes Glied in die Hand nimmt, öffne ich ihren BH, spiele ein wenig mit ihrem Bauchnabelpiercing und streichele dann über ihre hart gewordenen Nippel. Unterdessen streifen unsere Zungen über unsere Lippen und spielen miteinander. Mit euphorischer Erregung fange ich nun an, an Cassys Schulter zu knabbern, während sie an meinem Ohrläppchen lutscht. Um einander frei und ungestört liebkosen und verwöhnen zu können, ziehen wir uns aus. Meinen Mund lasse ich nun zu Cassys Brust wandern und bedecke ihren Körper mit hauchzarten, prickelnden Küssen. Ich fange an behutsam an ihren Nippeln zu saugen und spüre die Erregung in meinem Glied, das Cassy sanft streichelt. Während meine Hände weiter zärtlich Cassys Brüste kneten, gehe ich mit meinem Mund zu ihrem Bauchnabel und spiele mit meiner Zunge mit ihrem Bauchnabelpiercing. Cassy nimmt eine meiner Hände und führt sie in ihren Schritt. Mit meinem Zeigefinger streichle ich sanft über ihre Schamlippen und spüre mit wohliger Erregung, wie feucht sie ist. Als ich mit meinem Finger über ihren Kitzler streiche, stöhnt Cassy lustvoll auf. Sie reibt mein Glied nun schneller. Ich bitte sie das zu unterbrechen und mit ihren Fingerspitzen über die Innenseiten meiner Oberschenkel zu streichen. Als sie es tut, durchlaufen mich Schauer ekstatischer Erregung. Inzwischen haben sich unsere Münder wieder gefunden und wir küssen uns bei geschlossenen Augen und ganzer Hingabe, alles um uns vergessend, tief und inniglich. Ich bitte Cassy nun wieder mein Glied zu streicheln und fahre mit meinem Finger in ihre weiche, samtige Höhle. Kurz darauf kommt Cassy auf mich, führt mein Glied mit großer Lust und Erregung in ihre Höhle ein und wir fangen an, uns rhythmisch zu bewegen. Die Erregung steigert sich ins Unermessliche, wir stöhnen und schwitzen vor Extase. Schließlich kommen wir beide gleichzeitig zum Höhepunkt. Voller Euphorie lachen wir miteinander und hoffen, dass uns keiner gehört hat. Da die Burgruine allerdings nur sehr selten besucht wird, sollte das kein Problem sein. Wir lösen uns voneinander und bleiben noch eine Weile aneinander gekuschelt liegen. Dann kleiden wir uns wieder an, packen die Picknickdecke beieinander und machen uns auf den Rückweg zu unseren Fahrrädern.

Wir haben kaum den Bogen des Burgtores hinter uns gelassen, als drei Krähen vom Mauersims zu krächzen beginnen. Da mir dieses Geräusch durch Mark und Bein geht, dränge ich Cassy zur Eile. Wir verpacken schnell die Picknickdecke und die Apfelschorle und machen uns dann wieder auf den Weg. Das Krächzen der Krähen verfolgt uns noch eine ganze Weile, während wir den Hügel durch den Wald herab fahren. Ich bin froh, als wir das offene Feld erreichen und die Krähen nicht mehr hören können. Bildete ich mir das ein, oder begegnete ich neulich tatsächlich mehr Krähen als sonst? Die Vögel hatten vorgestern Bastis Tod richtig vorhergesagt. Was wollten sie gestern und heute? Wollten sie mich warnen? Aber wovor? Ich bin doch mit Cassy sehr glücklich.

Am Nachmittag kommen wir am See vorbei. Wir fahren am, mit Schilf bestandenen, Ufer entlang und hören die dumpfen Balzrufe der Rohrdommelmännchen. Sehen können wir sie nicht. Auch ein paar Frösche geben ein kleines Konzert, doch auch sie bleiben unseren Augen verborgen. Einzig ein paar Enten mit ihren frisch geschlüpften Jungen, schwimmen in einiger Entfernung. Wir holen die verbliebenen Brötchen aus unserem Proviant, reißen kleine Bröckchen ab und werfen sie den Enten zu. Zu unserer großen Freude, kommen die Enten zu uns geschwommen und fangen damit an, die Bröckchen zu fressen. Nachdem wir ihnen eine Weile lang zugeschaut haben, fahren wir wieder weiter.

Gegen Abend kommen wir wieder an den Bach, der durch Cassys Dorf fließt. Wir folgen ihm und kommen bald in Cassys Dorf an. Den Abschluss unserer gemeinsamen Radtour bildet der Anstieg zu ihrem Elternhaus. Oben angekommen folge ich Cassy in ihren Garten, wo sie mich ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder vorstellt. Wie ich erfahre, haben wir uns heute Morgen nicht gesehen, weil sie schon in aller Frühe zum Flohmarkt in der Stadt aufgebrochen waren. Jetzt werde ich zum Grillen eingeladen. Ich rufe kurz zu Hause an, um zu fragen, ob das passt und sage dann zu. Wir stellen unsere Fahrräder ab und gehen kurz ins Haus, um uns frisch zu machen. Anschließend setzen wir uns auf die Hollywoodschaukel und schauen Cassys Vater beim Entfachen des Holzkohlefeuers im Grill zu. Cassys Bruder Sammy fragt, "Wo seid ihr heute lang geradelt?" Daraufhin erzählen wir von unserem Ausflug. Besonders spannend findet Sammy die Burgruine und Cassy verspricht ihm, ihn einmal dahin mit zu nehmen. Nach einer Weile meint Cassy, wir sollten beim Tischdecken helfen und so tragen wir bald Teller, Gläser, Besteck, Getränke, einen von Cassys Mutter selbst gemachten Nudelsalat und andere Beilagen, sowie diverse Grillsaucen aus dem Haus auf den Gartentisch. Dann setzen wir uns alle an den Tisch und fangen an zu essen. Während des Essens kommt das Gespräch auch auf die Tatsache, dass Cassy und ich nun offiziell zusammen sind. Cassys Mutter sagt, "Das ist ja wirklich ein sehr schöner Ring, den du Cassandra da ausgesucht hast!" Obwohl sie es nicht ausspricht, werde ich das Gefühl nicht los, dass sie den Ring tatsächlich etwas übertrieben findet. "Ja, ich finde ihn auch sehr schick.", entgegne ich etwas kleinlaut. Nach dem Essen verabschiede ich mich von Cassys Familie, gebe meiner Freundin noch einen langen Kuss und fahre nach Hause.

Fortsetzung folgt...

Schicksalstage - Kapitel 3

Inzwischen ist es Abend geworden. Die Sonne taucht den Horizont in tiefes Rot, der Himmel schimmert in allen Regenbogenfarben. Ein paar Schäfchenwolken ziehen vorüber. Vor lauter aufwühlenden Ereignissen habe ich gar nicht richtig mitbekommen, welch schönes, sonniges Wetter wir heute hatten. Der Frühling steht in voller Blüte und es ist inzwischen auch wieder recht lang hell.

Zum Abendessen treffe ich meine Familie wieder und berichte ihnen von Bastis Tod durch den tragischen Unfall. Alle sind bestürzt. So etwas im Fernsehen zu sehen, ist eine Sache. Es hautnah mitzuerleben, aber noch mal eine ganz andere, sagen sie. Von Cassys Liebesgeständnis sage ich ihnen noch nichts, das behalte ich erst mal für mich. Als ich von meinem Erlebnis mit dem kleinen Wildkaninchen erzähle, lächelt mich meine kleine Schwester an und fragt, ob ich sie einmal mitnehmen würde. Mein großer Bruder schaut mich schief von der Seite an. Tiere sind seine Sache nicht. Das muss er von meinen Eltern haben, denn auch sie interessieren sich nicht sonderlich dafür. Der Fahrradausflug am Wochenende mit Cassy und Damian geht für meine Eltern am Samstag in Ordnung. Am Sonntag wollen wir Onkel Herbert und Tante Christa besuchen. Das Essen schmeckt wie üblich hervorragend. Da leistet unsere Köchin tatsächlich jeden Tag ganze Arbeit.

Nach dem Abendessen setze ich mich raus auf die Terrasse in die Korbmöbel und fange damit an, aufzuschreiben, was ich seit gestern Abend erlebt habe. Ich lasse alle Erlebnisse noch einmal Revue passieren und komme zu dem Schluss, dass der Tag doch nicht so schlecht war, wie es zwischenzeitlich den Anschein machte. Klar, der Tod meines besten Freundes Basti ist tragisch und hat mich tief erschüttert. Andererseits hat mir Cassy aber ihre Liebe gestanden und ich habe es geschafft, das kleine Wildkaninchen aus meiner Hand fressen zu lassen. Das muntert mich mehr als nur ein bisschen auf und gibt mir neue Hoffnung.


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Ich beschließe den Tag zu beenden, indem ich Cassy ein Liebesgedicht schreibe. Obwohl es eigentlich nur für sie gedacht ist, möchte ich es euch nicht vorenthalten:

Cassy, liebste Cassy, mein,
Ich will für immer bei dir sein!
Rosen, Tulpen und Narzissen,
Keine sollst du je vermissen!

Cassy, liebste Cassy, mein,
Du bist mein goldner Sonnenschein!
Du bist mein Schatz, ich will dich ehren!
Und keinen Wunsch dir je verwehren.

Cassy, liebste Cassy, mein,
Ich lieb dich auch im Mondesschein!
Und sollten wir uns jemals trennen,
Wird uns die Welt nicht mehr erkennen.

In Ermangelung romantischen Briefpapiers, habe ich das Gedicht vorerst mal auf einem Notizzettel festgehalten. Ich werde sehen, dass ich mir in den nächsten Tagen passendes Papier besorge und Cassy das Gedicht in meiner schönsten Handschrift verfasse.

Zufrieden mit meinem Tagewerk, aber immer noch tieftraurig und schockiert wegen Bastis plötzlichem Tod, gehe ich zu Bett. In dieser Nacht träume ich nichts, woran ich mich erinnern könnte. Am nächsten Morgen wache ich aber mit einem merkwürdig beklemmenden Gefühl auf. Als ich darüber nachdenke, merke ich, dass mir der Verlust meines besten Freundes sehr zusetzt. Ich stehe auf, gehe durchs Bad, kleide mich an und gehe die Treppe herunter in die Küche, um zu frühstücken. In der Küche treffe ich Yasmina, die sich gerade einen frischen Orangensaft presst und bitte sie, einen für mich mit zu machen. Zur Abwechslung esse ich heute Morgen Toast mit Honig, Nutella und leckerer Ananas-Mango-Marmelade, die unsere Köchin selbst zubereitet. Da mir diese Marmelade sehr gut schmeckt, habe ich unsere Köchin einmal gefragt, wie sie die denn macht. Sie sagte, dass sei ganz einfach: Du nimmst eine frische Ananas und eine frische Mango. Der Ananas schneidest du oben die Kappe mit den Blättern ab und schälst sie dann mit einem Ananasschäler, so dass nur das Fruchtfleisch übrig bleibt. Die Mango schälst du und schneidest dann das Fruchtfleisch vom Kern. Das Fruchtfleisch von beiden Früchten schneidest du dann in kleine Würfel, wiegst sie ab und gibst genau ein Kilogramm in einen Topf. Dazu gibst du 500 Gramm Gelierzucker und mengst diesen unter die Fruchtfleischwürfel. Der Zucker entzieht dem Fruchtfleisch das Wasser, so dass du kein zusätzliches zum Aufkochen benötigst. Den Topf stellst du bei kleiner Flamme auf den Herd. Wenn die Fruchtfleischwürfel anfangen zu kochen, pürierst du sie mit einem Pürierstab. Nach nochmaligem Aufkochen, füllst du die Marmelade in Gläser ab und lässt sie auskühlen. Das war‘s.

Nachdem ich mit dem Frühstück fertig bin, schnappe ich mir meine Schultasche und mache mich auf den Weg zum Schulbus. Ich bin froh, dass unser Bus, anders als Bastis Bus, nicht über einen Bahnübergang fährt. Sonst hätte ich schon ein sehr mulmiges Gefühl. So ist alles in Ordnung. Aus irgendeinem Grund sitzt Damian heute noch nicht im Bus. Vielleicht ist er krank, vielleicht fährt ihn aber auch seine Mutter oder seine große Schwester mit dem Auto, überlege ich mir. Naja, ich werde es schon in der Schule herausfinden, denke ich mir dann. Vor der Schule angekommen, halte ich natürlich zuerst Ausschau nach Cassy. Ich sehe sie mit ihren Freundinnen zusammen in der Raucherecke auf dem Schulhof. Sie sieht wiederum fabelhaft aus, ich kann mich kaum an ihr satt sehen. Obwohl sie selbst vehemente Nichtraucherin ist, da ein Onkel von ihr wegen starken Rauchens an Lungenkrebs verstorben ist, pflegt sie die Gemeinschaft mit ihren rauchenden Freundinnen. Diesen Sinn für Gemeinschaft schätze ich an ihr sehr. Sie wird nicht müde auf die Gefahren des Rauchens hinzuweisen, geht aber nie soweit, dass es jemanden ernsthaft nerven würde. Sie hat Mitleid mit den Menschen, die so wie ihr Onkel am Glimmstengel hängen, weiß aber, dass Missionierungsversuche kaum etwas gegen die Sucht bewirken. Wenn schon die Schreckensbilder auf den Zigarettenschachteln und die Warnungen in den Hologrammen im Zigarettenrauch nichts bewirken, dann hat wohl auch das warnende Wort einer Freundin wenig Hoffnung auf Erfolg. Denn es ist ja nicht so, dass die Freundinnen die Gefahren und gesundheitlichen Konsequenzen nicht kennen würden, oder sie ihnen egal wären. Aber die Sucht ist einfach zu stark und mit bloßem Wissen und guten Willen nicht zu überwinden.

Meiner Faszination für Cassy tut all das keinen Abbruch, im Gegenteil. Ich komme ihr näher und bemerke, dass sie heute am rechten Oberarm eine Plastikfolie trägt, unter der das farbige Abbild eines Weißkopfseeadlers zu sehen ist. Ich gehe auf sie zu, nehme sie in die Arme und gebe ihr einen langen Kuss auf den Mund. Dann sage ich zu ihr "Hi, guten Morgen, Schatz. Hast du ein neues Tattoo?" Sie lächelt mich an und sagt, "Ja, gefällt es dir?", woraufhin ich antworte, "Ja, sieht toll aus!". "Und deine Eltern haben dir das erlaubt?", frage ich sie. "Naja, zuerst wollten sie nicht. Meinten ich solle mich nicht verschandeln lassen und dass das ja für die Ewigkeit wäre. Aber letztlich habe ich sie, wie bei meinem Bauchnabelpiercing, doch rumgekriegt und sie sind mit mir ins Tattoo Studio gefahren." "Hee, natürlich, das sollten sie auch. Es steht dir so gut und passt voll zu dir. Es wäre echt schade, wenn sie es verboten hätten. Und inzwischen kann man Tattoos doch rückstandsfrei entfernen lassen. Die Alten sollen sich also nicht so anstellen und aufhören wegen jeder Kleinigkeit rumzuzicken.", meint Fabi, eine von Cassys Freundinnen. Die anderen nicken zustimmend. Sie sind alle ein bisschen neidig auf Cassy, weil die sowohl das erste Piercing, als auch das erste Tattoo von allen Mädchen bekommen hatte. Die Mädchen diskutieren jetzt, welche Piercings und Tattoos wem stehen würden und welche Eltern sie erlauben oder verbieten würden. Plötzlich sagt Melissa, deren Eltern als stockkonservative Katholiken gelten, "Wetten, dass ich es schaffe, meine Eltern davon zu überzeugen, dass ich mir ein Septumpiercing stechen lassen darf?" Matze, ihr Freund, der dicht an sie geschmiegt dasteht und ihr grad einen Kuss auf die Wange gehaucht hat, gibt darauf zurück: "Hey Babe, ich weiß wie gern du so eins hättest und verdammt würdest du heiß damit aussehen. Aber wie du diese Wette gewinnen willst, versteh ich nicht. Und selbst wenn, Septumpiercings sind laut der Schulordnung verboten. Wenn du dir also wirklich eins stechen lassen willst, musst du nicht nur deine Eltern, sondern auch die Schulleitung davon überzeugen, dass das klargeht." In dem Moment klingelt die Pausenglocke und wir müssen alle zusehen, dass wir in unsere Klassenräume kommen.

Der letzte Schultag vor dem Wochenende verläuft ereignislos. Einzig, dass Damian mit einem Darmvirus zu Hause liegt, sorgt für ein gewisses Raunen in der Klasse. Frau Weise nimmt mich im Englischunterricht nicht dran, so dass nicht weiter auffällt, dass ich die Hausaufgaben nicht gemacht habe. Mittags treffen Cassy und ich uns wie jeden Tag in der Schulkantine. Heute gibt es Sauerbraten mit Kartoffeln und einen Apfel zum Nachtisch. Nach dem Essen gehen wir gemeinsam zur Bushaltestelle. Obwohl wir uns schon öffentlich geküsst und uns aneinander geschmiegt haben, Cassy mir gesagt hat, dass sie mich liebt und ich sie heute Morgen zum ersten Mal mit "Schatz" angesprochen habe, ohne dass sie was dagegen gehabt hätte, sind wir offiziell immer noch kein Paar. Ich beschließe das heute zu ändern und Nägel mit Köpfen zu machen.

Sobald wir an der Bushaltestelle ankommen, sage ich "Hey Cassy, lass uns in die Stadt fahren. Ich würde dir da gern etwas zeigen.". "Ok, klar gerne.", gibt sie zurück. Wir steigen also in den E-Bus in die Stadt und warten, dass er abfährt. Während wir Händchen halten und mit unseren Händen spielen, bemerke ich beiläufig: "Damian hat nen Darmvirus. Der wird also morgen ausfallen." "Das heißt, wir werden die Radtour morgen zu zweit machen?", gibt Cassy neugierig zurück. "Ja, sieht danach aus. Es sei denn du willst spontan noch jemanden dazu einladen.", erwidere ich. "Hmm, nö. Wir zwei allein, das wird bestimmt lustig werden.", antwortet sie und ein verschmitztes Lächeln spielt um ihre Lippen. Bei diesem Anblick wird mir plötzlich ganz warm ums Herz und in meiner Hose spüre ich ein leichtes Zucken. Ich kann es kaum abwarten, mit Cassy allein zu sein.

Doch zunächst fährt der Bus ab. Eine knappe halbe Stunde später kommen wir in der Stadt an. Wir steigen aus und gehen Hand in Hand vom Busbahnhof in die nahegelegene Fußgängerzone. Links und rechts säumen hübsche Fachwerkhäuser den Weg. Als wir an der Eisdiele vorbei kommen, frage ich Cassy, ob sie Lust auf einen Eisbecher hat. Hat sie. Wir gehen hinein und setzen uns an einen der runden Tische in der Nähe des Fensters. Weiße und violette Blumen zieren die Fensterbank. Auch auf den Tischen stehen kleine Vasen mit lieblich duftenden Hyazinthen. Die Kellnerin bringt uns die Eiskarte und wir wählen aus. Cassy nimmt einen Becher Tropical mit Vanille-, Mango- und Zitroneneis und frischen tropischen Früchten. Ich entscheide mich für einen Becher CocoSun und hoffe, dass das Schoko- und Kokoseis durch die Sonne nicht schon geschmolzen ist. Flirtend und locker plaudernd genießen wir unsere Eisbecher, die ein Erlebnis für den Gaumen sind. Kein Wunder, dass diese Eisdiele bis weit über die Stadtgrenzen hinaus für ihr köstliches Eis bekannt ist. Wie oft bin ich mit Basti hier auf einen leckeren Becher Eis hergekommen. Plötzlich bricht der Schmerz seines Verlustes wieder über mich herein. Cassy muss es wohl bemerkt haben, denn sie fragt, was ich hätte. "Ich bin oft mit Basti hier gewesen und musste grad an ihn denken. Sorry, ich wollte unsere schöne Stimmung nicht vermiesen.", antworte ich. "Ist schon in Ordnung. Das kann ich gut verstehen.", gibt sie mitfühlend zurück. Wir unterhalten uns noch eine Weile über Basti und meine Erlebnisse mit ihm. Cassy hört aufmerksam zu und bald ist mir schon nicht mehr so schwer ums Herz. Jetzt weiß ich, warum man sagt, geteiltes Leid ist halbes Leid.

Nachdem wir unsere Eisbecher leer gegessen haben, machen wir uns wieder auf den Weg. Wir schlendern Händchen haltend durch die Fußgängerzone und schauen mal in dieses, mal in jenes Geschäft herein. Als wir am Brunnen mit den wasserspeienden Drachen und den sich räkelnden Jungfrauen ankommen, setzen wir uns an den Rand und schauen dem plätschernden Wasser zu. Sitzen wir zunächst zwar Händchen haltend aber doch noch locker und mit etwas Abstand, nähern wir uns, wie von einer unsichtbaren Kraft gezogen, immer weiter aneinander an. Schließlich finden sich unser beider Hände und unsere Münder. Die Welt um uns herum vergessend, fangen wir nun an, uns heiß und innig zu knutschen. Unsere Zungen spielen mit einander und fahren ekstatisch über unsere Lippen. Wir fangen an einander ein wenig an den Lippen zu knabbern und ich habe Mühe, meine Hände nicht auf Cassys Brüste wandern zu lassen. Obwohl ich auch vor Cassy schon die eine oder andere Erfahrung mit Mädchen gemacht habe, habe ich mich doch noch nie öffentlich so wild und leidenschaftlich mit einem geküsst. Wohlige Schauer durchziehen meinen Körper und in meinen Lenden regt sich etwas und schwillt an. Nach einer Weile lässt die Leidenschaft langsam etwas nach. Mit Cassy so innig zu werden, tut unheimlich gut. Ich fühle mich von Kopf bis Fuß gestärkt und mein Herz fliegt Cassy zu. Leise frage ich sie: "Cassy, willst du meine Freundin sein?". "Ja, Olli, ich will.", sagt sie verträumt. "Oder bin ich das nicht schon längst?", fügt sie augenzwinkernd hinzu. Mein Herz schlägt Purzelbäume und geht über vor Freude. Vorsichtig, als könnte ich sie oder ihren Entschluss meine Freundin zu sein, zerbrechen, hauche ich ihr einen Kuss auf die Lippen. Es dauert nicht lang und wir küssen uns erneut mit ganzer Leidenschaft und Hingabe.

Etwas später, wir konnten uns inzwischen wieder etwas voneinander lösen, schauen wir den Drachen noch ein wenig beim Wasserspeien zu. Dann stehen wir auf und setzen unseren Spaziergang durch die Fußgängerzone fort. Nicht weit vom Brunnen entfernt, ein wenig versteckt in einem Seitengässchen, liegt ein kleines, exklusives Juweliergeschäft. Ich gehe mit Cassy darauf zu, als plötzlich zwei Krähen über unsere Köpfe hinweg fliegen. Etwas irritiert schaue ich Cassy an, doch sie scheint es nicht gestört zu haben. Nach dem gestrigen Vorfall mit den Krähen, die Bastis Tod verkündet haben, bin ich wohl etwas überspannt. Wir betreten das Juweliergeschäft und ich kaufe Cassy zur Besiegelung unserer Freundschaft einen zierlichen Goldring mit einem kleinen, rotschimmernden Rubin darin. Cassy ist überglücklich und gibt mir, kaum dass wir das Juweliergeschäft verlassen haben, einen hauchfeinen, prickelnden Kuss. So muss Liebe sein, denke ich mir.

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Schicksalstage - Kapitel 2

Bastis Mutter und ich sind zunächst völlig sprachlos. Tausend Fragen schießen mir durch den Kopf. War Basti in dem Bus? Wie konnte das passieren? Was sollten wir nun tun? Plötzlich bricht Bastis Mutter in Tränen aus und fängt an hysterisch zu schreien und ich fühle mich völlig hilflos und verzweifelt. Von dem Verhalten von Bastis Mutter und meiner eigenen Ohnmacht und Trauer übermannt, breche ich nun auch in Tränen aus. Nachdem wir eine Weile geweint haben, lassen unsere Tränen langsam nach und wir kommen langsam dazu, wieder klarere Gedanken zu fassen. Bastis Mutter will bei der Polizei anrufen, um festzustellen, ob sich ihr Sohn tatsächlich wie vermutet im verunglückten Bus befand. Sie bittet mich zu gehen und begleitet mich noch zur Tür. Ich komme gerade noch dazu ihr das Versprechen abzunehmen, mich anzurufen sobald sie mehr wüsste.

Langsam und schweren Herzens trete ich die Heimfahrt auf meinem Fahrrad an. Nach ein paar Metern halte ich an und versuche zuerst Damian und danach Cassy auf ihren Smart Phones zu erreichen. Bei beiden geht aber nur die Mailbox dran und so hinterlasse ich ihnen nur eine kurze Nachricht und die Bitte, mich zurück zu rufen. Ich will gerade wieder losfahren und habe meine Hände schon am Lenker, als plötzlich drei kohlrabenschwarze Krähen über mich hinweg fliegen und mir eine voll auf meine rechte Hand scheißt. Sie krächzen lauthals und es hört sich beinahe so an wie "Basti ist tot! Basti ist tot!". Danach klingt es, als würden sie in schallendes, höhnendes Gelächter ausbrechen. Völlig verdattert und angewidert versuche ich mit meiner linken Hand den Pack Tempos aus meiner rechten Hosentasche zu fischen, was sich als schwierig aber nicht unmöglich herausstellt. Nachdem ich mir die Vogelkacke von meiner rechten Hand gewischt und mich einigermaßen von dem Schreck erholt habe, mache ich mich wieder auf den Weg. Da ich keine Lust habe, noch mal den Hügel zu erklimmen, fahre ich den längeren Weg drum herum. In meinem Kopf gehen ständig die gleichen Fragen um: Ist Basti wirklich tot? Wie kann das sein? Warum? Haben die Krähen tatsächlich seinen Tod verkündet und verhöhnt oder fange ich langsam an zu spinnen? Und warum hat mich Bastis Mutter so einfach vor die Tür gesetzt? Hat sie denn gar kein Mitleid mit mir? Nach einer gefühlten Ewigkeit komme ich zu Hause an.

Ich stelle mein Fahrrad in der Garage hinter dem Maserati meines Vaters ab und gehe ins Haus. Auf halber Treppe kommt mir meine Schwester Yasmina, ein fröhliches Lied pfeifend, entgegen.

"Hi Bruderherz! Alles klar bei dir?", begrüßt sie mich freundlich.

"Alles andere als das.", gebe ich zurück.

"Basti ist höchstwahrscheinlich tot! Wir gehen davon aus, dass er in dem Regionalbus saß, der heute bei Eibelsried einen Unfall hatte und von einem Schnellzug erfasst wurde. Laut den Nachrichten hat es keiner der Insassen des Buses überlebt."

"Ist das wahr? Ach du Scheiße. Das tut mir echt leid für dich.", sagt meine Schwester betroffen. "Aber sicher ist das noch nicht?"

"Nein. Aber Basti kam nicht nach Hause und ist auch nicht ans Handy gegangen. Die Uhrzeit passt, die Buslinie sowieso. Es wäre also schon ein großes Glück, wenn er noch leben würde."

"Und wie geht es jetzt weiter?"

"Naja, zunächst warte ich mal, bis sich Bastis Mutter mit Neuigkeiten bei mir meldet."

"Ok, ich muss jetzt leider los, zum Klavierunterricht. Wir können ja heute Abend noch mal reden. Mach‘s gut."

"Ja, du auch, Schwesterchen."


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Ich gehe in die Küche, um mir einen warmen Kakao zu machen. Immer wieder schaue ich auf mein Smart Phone, doch noch rufen mich weder Cassy oder Damian zurück und auch Bastis Mutter lässt noch nichts von sich hören. Ich fühle eine seltsame Leere in mir und versuche sie mit ein paar Keksen zu stopfen. Obwohl sich mein Bauch langsam füllt, bleibt das Gefühl der Leere bestehen. Nachdem ich meinen Kakao ausgetrunken habe, gehe ich in mein Zimmer, um mich meinen Hausaufgaben zu widmen. Ich finde keine rechte Ruhe. Ungewissheit nagt an mir. Ich kann mich nur schwer konzentrieren. Mathe geht heute gar nicht. Auch Englisch fällt mir schwerer als sonst. Nach ein paar Vokabeln lasse ich meinen Stift ziellos über einen Notizblock wandern. Meine Gedanken hängen bei Basti. Plötzlich klingelt mein Smart Phone. Bastis Mutter ist dran und lässt aus nagender Ungewissheit schreckliche Gewissheit werden: Basti ist tot. Sein Personalausweis, den er erst vor drei Wochen zum 16. Geburtstag bekommen hatte, war im Portemonnaie einer halb verbrannten Jungenleiche, die Bastis Brille trug, gefunden worden. Sein Gesicht war total verbrannt. Daran hätte man ihn nicht mehr erkennen können.

Stille.

Schweigen.

Entsetzen.

Langsam rollt eine erste Träne über meine rechte Wange, dann noch eine.  Bald sind die Tränen unaufhaltbar und rinnen in Sturzbächen meine Wangen herab. Schluchzer entspringen meiner Kehle. Mein bester Freund ist auf tragische Weise und viel zu früh aus dem Leben geschieden. Das stand nun fest. Nie wieder würden wir gemeinsam feiern gehen, nie wieder uns über Lehrer und Eltern aufregen. Vorbei die Zeit als wir gemeinsam jungen Frauen nachschauten, Radtouren durch die nahen Hügelketten unternahmen und verbotenerweise auch mal einen Joint rauchten oder Freudenkekse backten, wie wir sie nannten.

Wie macht man weiter, wenn nichts mehr so ist, wie zuvor? Da ich merke, dass meine Blase drückt, gehe ich zunächst einmal aufs Klo. Danach durchsuche ich die Kommode meines Vaters nach Zigaretten. Obwohl ich sonst nicht rauche und auch Vaters Zigaretten nicht anrühren darf, brauche ich heute eine und er würde es angesichts der Umstände sicher verstehen. Ich finde die Schachtel Marlboro. Sie liegt, wie immer, in der rechten oberen Schublade vorne links neben dem Feuerzeug. Ich nehme mir eine Zigarette und das Feuerzeug und lege die Schachtel sorgfältig wieder an ihren Platz zurück. Wenn Vater etwas hasst, dann ist es Unordnung und wenn ich mir schon eine Zigarette bei ihm schnorre, will ich wenigstens nicht seinen Unmut heraufbeschwören, indem ich schlampig bin. Mit Zigarette und Feuerzeug in der Hand gehe ich auf die Terrasse. Ich lasse mich in einem der teuren Korbsessel nieder, strecke die Beine auf den Tisch und stecke mir die Zigarette an. Schon mit dem ersten Zug merke ich, wie sich eine wohlige Entspannung in mir breit macht. Mir kommt der Gedanke, dass es ja paradox sei, dass ich meiner Seele gut tue, indem ich meinem Körper schade, doch ich schiebe diesen Gedanken schnell beiseite. Auch die seit neuestem holographisch in den Rauch projizierte Warnung Rauchen sei tödlich, übersehe ich geflissentlich. Diese Gesundheitsfanatiker gönnen einem aber auch gar nichts und schrecken dabei nicht mal vor dem Einsatz von modernster Technik zurück. Stattdessen wird einem Yoga und Bäume umarmen und so ein Quatsch nahegelegt. Erst neulich war so eine Gesundheitstussi von irgendeiner Krankenkasse bei uns in der Schule und hat gemeint, sie müsste uns das vermitteln. Naja, zumindest werde ich so etwas von meinem Schmerz über den Verlust meines Freundes abgelenkt.

Ich bin fast fertig mit meiner Zigarette, als mich Cassy endlich anruft. Ich freue mich darüber, ihre Stimme zu hören und erzähle ihr die schrecklichen Neuigkeiten. Sie weiß zunächst gar nicht, was sie sagen soll und so schweigen wir eine Zeit lang gemeinsam.

"Mein herzliches Beileid, das ist ja echt furchtbar, es tut mir so leid für dich.", sagt sie jetzt. Ich bin wieder den Tränen nahe, kann einen Schluchzer gerade noch zurück halten. Gerade vor Cassy will ich mir diese Schwäche nicht erlauben, sondern stark sein. Sie soll bloß nicht denken, ich wäre ein Weichei.

"Wie geht es jetzt weiter? Ist die Beerdigung schon geplant?", fragt sie kurze Zeit später. Obwohl ich diesen Pragmatismus sonst sehr an ihr schätze, nervt er mich jetzt gewaltig. Meine Gefühle fahren Achterbahn und sie hat nur das Praktische im Kopf.

"Nein, und ich wüsste auch nicht, was dich das angeht.", blaffe ich zurück.

"Entschuldigung, war ja nicht bös gemeint. Ich weiß ja, wie schwierig das für dich sein muss. Trotzdem muss das Leben ja weitergehen. Und ein Toter muss nun mal beerdigt werden.", sagt Cassy.

"Da hast du wohl recht.", erwidere ich. "Aber nein, diesbezüglich ist meines Wissens noch nichts geplant. Bastis Mutter wird mich aber wohl rechtzeitig darüber informieren, wenn es soweit ist."

"Wollen wir die Radtour  mit Damian am Wochenende trotzdem machen?", kommt Cassy zum nächsten Thema.

"Ja, von mir aus gerne. Ein bisschen raus zu kommen, tut mir bestimmt ganz gut. Wir können ja die Strecke über die Weinberge meiner Eltern, vorbei an den Kapellen hin zur alten Burgruine nehmen. Auf dem Rückweg können wir dann am See vorbei fahren."

"Ja, das klingt super! Damian wird sicher damit einverstanden sein. Also dann machs gut, halt die Ohren steif. Ich liebe dich und das wird schon wieder. Ciao.", verabschiedet sich Cassy.

Völlig perplex sage ich ihr ebenfalls "Ciao, bis später!" und bedanke mich noch für die aufmunternden Worte. Dass sie mich liebt, hatte ich zwar gehofft, aber wir hatten uns das noch nie gesagt. Das jetzt von ihr zu hören, finde ich auf der einen Seite unglaublich schön. Auf der anderen Seite geht mir das jetzt doch ganz schön schnell. Es ist einfach ein bisschen zu viel auf einmal.

Als Damian mich kurze Zeit darauf anruft, lasse ich mein Smart Phone erst ein paar Mal klingeln, bevor ich das Gespräch schließlich doch noch annehme. Er erkundigt sich, wie es mir geht und ich erzähle ihm von dem tragischen Unfall des Regionalbuses und Bastis Tod. Ebenso wie Cassy, drückt er mir sein Mitgefühl aus und gibt mir ein paar aufmunternde Worte mit auf den Weg. Mit der Route für unsere Fahrradtour ist er einverstanden. Als ich ihm davon erzähle, dass Cassy mir gesagt hat, dass sie mich liebt, sagt er "Mensch, Alter. Cool! Das sind doch mal gute Neuigkeiten. Herzlichen Glückwunsch!"

"Danke. Ja, ich finds auch megacool! Andererseits ist mir das alles aber auch ein bisschen viel auf einmal. Ich konnte mich grad schon nicht auf die Hausaufgaben konzentrieren. Das macht es jetzt nicht einfacher.", antworte ich ihm.

"Ach, da mach dir mal keinen Kopf. Die Weise wird das sicher verstehen. Mathe haben wir eh erst wieder nächste Woche und in Deutsch hatten wir nur auf, einen Erlebnisbericht zu schreiben. Schreib einfach auf, was dir heute passiert ist. So machst du nicht nur deine Hausaufgaben, sondern klärst angeblich auch noch deine Gefühle und Gedanken. Das behauptet zumindest meiner Mutter immer."

"Ok, danke für den Tipp. Also dann bis später Kumpel!", verabschiede ich mich von ihm.

Statt mich meinen Hausaufgaben zu widmen, gehe ich aber lieber in den Garten und treffe auf Timon. Er hat die Karotten, um die ich ihn gebeten hatte, besorgt. Mit ihnen in der Hand mache ich mich auf den Weg in den Wald hinter unserem Haus. Ich hoffe, das kleine Wildkaninchen wieder zu treffen. Vielleicht schaffe ich es ja, dass es mir aus der Hand frisst. Ich habe schon immer etwas für Tiere übrig gehabt, durfte jedoch nie ein Haustier haben. Wenn ich das kleine Wildkaninchen dazu bringen könnte, mir aus der Hand zu fressen, könnte ich es vielleicht zähmen und es mir zum Haustier im Wald machen. Mit diesen Überlegungen im Kopf gehe ich behutsam den Wildpfad entlang, an dessen Rand ich den putzigen Langohr gestern gesichtet hatte. An einer alten Buche mache ich halt und halte Ausschau. Es dauert gar nicht lang, bis es sich zum ersten Mal blicken lässt. Es hüpft aus seinem Bau, schnuppert ein wenig und fängt dann an, an ein paar Zweigen zu knabbern. Vorsichtig lasse ich mich auf meine Knie sinken und strecke den Arm mit den Karotten in Richtung des kleinen Tieres. Es hebt den Kopf und hält inne.

Jetzt schnuppert es und hat scheinbar Witterung aufgenommen, denn es macht einen Satz in meine Richtung. Zögerlich kommt es näher, ganz so, als würde es dem Braten nicht trauen. Geduldig und mucksmäuschenstill warte ich, bis das kleine Wildkaninchen einen kleinen Sprung nach dem anderen in Richtung der Karotten macht. Zwischendurch hält es immer wieder an, schnuppert und vergewissert sich, dass es in Sicherheit ist. Endlich, nach einer gefühlten Stunde geduldigen Wartens, meine Knie schmerzen inzwischen vom langen Ausharren, endlich springt es mit einem letzten Satz zu den Karotten und fängt an, daran zu knabbern. Ich kann mein Glück kaum fassen und zittere etwas mit meiner Hand. Sofort zieht sich das kleine Wildkaninchen mit einem Satz zurück und beäugt die Karotten argwöhnisch.

Es dauert eine Weile bis es sich erneut traut, an die Karotten heranzukommen und davon zu nagen. Beim zweiten Versuch ist es aber weniger scheu und knabbert alsbald genüsslich am orangenen Gemüse. Ich denke kurz darüber nach, es zu streicheln, will mein Glück aber nicht überstrapazieren und lasse den Gedanken wieder fallen. Stattdessen lege ich den angeknabberten Bund Karotten vorsichtig auf den Waldboden und trete behutsam und immer darauf bedacht, keine lauten Geräusche oder hektischen Bewegungen zu verursachen, meinen Rückweg an. Bevor ich jedoch den Wald verlasse, schaue ich mich noch einmal um, beobachte das kleine Wildkaninchen noch ein paar Minuten beim Fressen und nehme dann leise Abschied von meinem neuen Freund.

Schicksalstage - Kapitel 1

Jetzt anhören!

Es ist still. Kein Auto ist von der nahegelegenen Schnellstraße zu hören. Kein Vogel zwitschert in den Bäumen des Waldes, in dem ich langsam vorwärts gehe. In einiger Entfernung sehe ich ein junges Wildkaninchen. Ich nähere mich ihm vorsichtig und beobachte, wie es genüsslich an einigen herabgefallenen Zweigen knabbert. Außer ihm scheint der Wald heute seltsam leer zu sein. Habe ich sonst schon Rehe oder auch mal einen Fuchs gesehen und allerlei Singvögel gehört, scheint es heute so, als gäbe es nur mich und das junge Wildkaninchen. Da es langsam dunkel wird und ich zum Abendessen wieder zu Hause sein soll, nehme ich schweren Herzens Abschied von ihm und mache mich bedächtig und langsamen Schrittes auf den Rückweg. Ich nehme mir vor am nächsten Tag wieder zu kommen und zu sehen, ob ich das Wildkaninchen nicht mit etwas Futter anlocken kann. Das Haus meiner Eltern liegt am Waldrand. Es ist ein altes Landhaus mit einem üppigen Garten. Im Garten gibt es Apfel- und Kirschbäume, ein paar Beerenhecken, einige Gemüsebeete, einen Spielplatz und einen großen Pool, in dem ich im Sommer gern schwimme. Noch ist es dazu allerdings zu kalt. Als ich auf dem Heimweg durch den Garten schlendere, sehe ich, wie Timon, unser Gärtner, gerade das Laub vom letzten Herbst aus dem Pool fegt. Wir grüßen uns freundlich und unterhalten uns kurz über das Wetter und den kommenden Sommer. "In ein paar Wochen, wenn es wärmer und alles hergerichtet ist, werde ich wieder durch das azurblaue Wasser schwimmen können.", sage ich verträumt. "Darauf freue ich mich jetzt schon. Ach, übrigens, kannst du mir morgen ein paar Möhren besorgen?", frage ich Timon. "Ich möchte versuchen ein junges Wildkaninchen damit anzulocken." Timon verspricht es und wir verabschieden uns von einander.

"Hallo Olli", begrüßt mich meine Mutter, als ich das Haus betrete. "Hast du deine Hausaufgaben schon gemacht?" "Ja, Mama." "Geh und wasch dir die Hände, es gibt gleich Abendessen. Und richte dir die Haare. Vater ist da und du weißt ja, wie er ist." Ich gehe und tue, wie mir geheißen. Lust darauf habe ich zwar keine, aber es ist immer noch besser, als eine Schimpftirade meines Vaters wegen angeblich zerzauster Haare und dreckiger Hände über mich ergehen zu lassen. Kurz darauf sitzen wir alle am langen, massiven Eichentisch im Esszimmer. Mein Vater vor Kopf, meine Mutter rechts neben ihm. Daneben hat meine kleine Schwester Yasmina, das Nesthäkchen unserer Familie, wie üblich Platz genommen. Links von meinem Vater sitzt mein großer Bruder Tom, der mal wieder zu Gast ist. Ich sitze neben ihm. Bevor wir uns dem herrlich duftenden Tafelspitz, den unsere Köchin zubereitet hat, widmen können, spricht Vater ein kurzes Dankgebet. Nachdem wir alle mit "Amen." geschlossen haben, gibt uns Mutter der Reihe nach das Essen auf den Teller und schenkt Vater und sich von unserem Wein aus eigenem Anbau ein. Währenddessen fragt Vater Tom, wie er denn mit seinem Studium vorankäme. "Gut!", antwortet dieser. Das war seine Standardantwort. Mutter meinte immer, dass das schon seit seinen Kindergartentagen so gewesen sei. "Danke, das dachte ich mir schon.", sagt mein Vater mit leicht gereiztem Unterton. "Du hast doch neulich eine Klausur in VWL geschrieben. Wie ist die ausgefallen?", fährt er fort. "Och, ganz in Ordnung.", antwortet Tom. "Dafür, dass mir das Fach nicht so besonders liegt. Ich habe eine 3+ bekommen." "Nur eine 3+?", entsetzt sich mein Vater. "Ich hoffe du fängst bald damit an, dein Studium ernster zu nehmen. Immerhin sollst du später einmal unsere Firmengruppe übernehmen!", poltert er. "Nun beruhig dich mal, Eduard.", beschwichtigt ihn meine Mutter. "Der Junge ist erst im 3. Semester. Und VWL ist doch nun wirklich nicht besonders wichtig, um ein Unternehmen zu führen. Viel wichtiger sind da doch Führungskompetenz und Verhandlungsgeschick. In diesen beiden Disziplinen hat er dein Talent geerbt und auch sehr viel bessere Noten erzielt." "Ach ja? Na, wenn das so ist. Trotzdem ist eine 3 unter unserem Niveau. Egal in welchem Fach. Der Bengel soll sich gefälligst daran erinnern, welcher Familie er entstammt. Der Name Simmersbach steht schließlich schon seit Generationen für höchste Qualität.", erbost sich mein Vater weiter. "Hee, Leute. Das Essen wird kalt.", rufe ich dazwischen, um alle daran zu erinnern, weshalb wir hier eigentlich zusammensitzen. Während Yasmina und ich schon von dem köstlichen Rindfleisch, das noch besser schmeckt, als es riecht, den Kartoffeln und dem zarten Schwarzwurzelgemüse gegessen haben, sind die Teller von meinem großen Bruder und meinen Eltern noch unberührt. Nun fangen auch sie an zu essen. Das Tischgespräch wird jetzt etwas leiser. Vater erzählt von seiner letzten Geschäftsreise, von der er heute zurück gekommen ist und die nicht so erfolgreich verlaufen ist, wie er sich erhofft hatte. In den letzten 10 Minuten des Abendessens erzählt Yasmina noch von ihrem heutigen Ausflug mit ihren Schulfreundinnen. Sie haben ein nahegelegenes Höhlensystem besucht und hatten wohl eine Menge Spaß dabei. Ich hätte von meiner Begegnung mit dem jungen Wildkaninchen berichten können, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass das jemanden interessiert hätte.

Nach dem Essen gehe ich auf mein Zimmer, lege mich bequem auf die Couch und lese meinen aktuellen Adventureroman weiter. Nach einer Weile ruft mein bester Freund Basti an. Er erzählt mir ganz aufgeregt, dass seine Mutter seinen Vater, einen notorischen Säufer, nun endgültig vor die Tür gesetzt habe. Er habe das zwar schon immer befürchtet, jetzt da es so gekommen sei, nähme es ihn aber doch ganz arg mit, sagt er mir. Ich versuche ihn zu trösten und aufzumuntern, was mir jedoch nur teilweise gelingt. Ich verspreche ihm, mich morgen nach der Schule mit ihm zu treffen und wünsche ihm eine gute Nacht. Da die Zeit schon fortgeschritten ist, gehe auch ich nun zu Bett.


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In dieser Nacht träume ich, dass ich federleicht hoch hinaus zu den Sternen fliege. In einer mir unbekannten Galaxie treffe ich auf einem Planeten, auf dem der Himmel grün ist und zwei Sonnen und vier Monde gleichzeitig am Himmel stehen, mitten in einem dichten, roten Wald auf ein Wesen, das zur Hälfte aus einem Wolf und zur anderen Hälfte aus einem Schwan zu bestehen scheint. "Hallo, junger Mensch.", begrüßt mich der Schwolf. "Was treibt dich zu dieser Zeit durch den Nimmerwald?" "Hallo mächtiger Schwolf. Ich bin auf der Suche nach der braunen Träne. Habt ihr sie vielleicht gesehen?", antworte ich zu meinem eigenen Erstaunen. "Ich habe die braune Träne schon seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen junger Mensch.", erwidert der Schwolf. "Aber ich kann dir vielleicht trotzdem helfen. Wozu brauchst du die braune Träne denn?". "Die Mutter meines besten Freundes hat seinen Vater rausgeschmissen, weil er einfach nicht mit dem Trinken aufhören kann. Vom Habicht habe ich gehört, dass die braune Träne von Alkoholsucht befreien könnte. Nun suche ich also nach der braunen Träne, damit ich sie Bastis Papa geben kann und seine Eltern sich wieder versöhnen." Gerade in dem Moment fängt plötzlich mein Wecker an zu tuten und reißt mich jäh aus dem Schlaf.

Ich schlüpfe aus dem Bett und treffe auf dem Weg ins Bad meine noch völlig verschlafene Schwester Yasmina. Auf mein "Guten Morgen, Schwesterherz." antwortet sie gähnend "Guten Morgen". Da sie so aussieht, als müsste sie dringend gebe ich ihr den Vortritt und gehe zunächst die Treppe herunter in die Küche. Ich schalte das Radio an, das gerade die Hits der 90er und 00er Jahre zum Besten gibt, nehme mir eine Schüssel, ein Glas und einen Löffel und platziere alles auf der Theke. Als nächstes hole ich mir das Schoko-Kirsch-Knuspermüsli aus dem Regal und den Vanillejoghurt aus dem Kühlschrank. Zu guter Letzt presse ich mir am Automaten einen frischen Orangensaft. Während des Frühstücks trudeln nach und nach auch alle anderen Mitglieder meiner Familie außer meinem Vater in der Küche ein. Der ist schon früher raus und ist sicher schon auf dem Weg ins Büro. Nach dem Frühstück ziehe ich mich für den Weg zur Schule fertig an, nehme meinen Schulrucksack, in den unsere Köchin bereits mein Pausenbrot gepackt hat, und mache mich auf den Weg zum Schulbus.

Im Schulbus setze ich mich neben meinen Kumpel Damian. Wir sind seit der ersten Klasse immer in der gleichen Klasse gewesen, inzwischen also seit bald 9 Jahren. Während wir zur Schule fahren, erzähle ich ihm von der Trennung von Bastis Eltern und meinem Traum. "Wäre schon cool, wenn es eine solche braune Träne tatsächlich gäbe.", meint Damian. "So bleibt uns nichts als Basti aufzumuntern. Hast du die Mathehausaufgaben lösen können? Ich komme mit den Wurzelgleichungen irgendwie nicht so gut zurecht." "Ja, mir hat gestern mein großer Bruder dabei geholfen. Wir können uns ja dann in der Pause noch mal zusammen setzen.", antworte ich. "Ja, das wäre gut.", gibt Damian zurück.

In der Schule treffe ich auf Cassy, die eigentlich Cassandra heißt und eine Klassenstufe über mir ist. Obwohl es dafür nach meinem Empfinden eigentlich noch etwas zu kalt ist, trägt sie ein bauchfreies Top. So kann man ihr Bauchnabelpiercing mit dem roten Glitzersteinchen gut sehen. Mit ihren langen blonden Haaren, die sie zu vielen dünn geflochtenen Zöpfen trägt und den großen Ohrringen sieht sie echt klasse aus. Ich bin überglücklich, dass sie schon ein paar Mal mit mir ausgegangen ist und wir auf dem besten Weg sind, ein Paar zu werden. Als ich auf sie zugehe, lächelt sie mich mit ihrem gewinnenden Lächeln an. Wir begrüßen uns mit einem Kuss auf den Mund und schmiegen uns aneinander. Dann klingelt es zur Stunde und wir müssen uns trennen.

Nach zwei Stunden Deutsch schaue ich mir mit Damian noch mal die Mathehausaufgaben an, bevor diese in den beiden darauf folgenden Mathestunden abgefragt werden und das Thema weiter vertieft wird. In den letzten beiden Stunden haben wir Englisch, so wie jeden Donnerstag. Heute lässt uns Frau Weise, unsere Englischlehrerin, ein Diktat schreiben. Ich habe ein gutes Gefühl, immerhin lese ich ziemlich viele englische Bücher und weiß so recht gut, wie auch schwierigere Wörter geschrieben werden. Nach der sechsten Stunde treffe ich mich mit Cassy und Damian zum Mittagessen in der Schulkantine. Es gibt Spaghetti Bolognese und Pudding mit Himbeeren zum Nachtisch. Wir beratschlagen, wie wir Basti am besten helfen können und beschließen, am Wochenende eine Radtour zu unternehmen.

Nach dem Mittagessen fahre ich zuerst mit dem Bus nach Hause und dann mit dem Rad zu Basti. Er wohnt ein paar Dörfer weiter, genau ein Dorf zu weit, um mit mir in die gleiche Schule zu gehen. So geht er schon immer in die Nachbarschule und wir können uns nur nachmittags, am Wochenende und in den Ferien treffen. Ich fahre über Feldwege durch Wiesen, die durch die Regenfälle der letzten Tage in saftigem Grün stehen und den dunklen Wald, der den Hügel zwischen den Dörfern säumt. Hoch hinauf zur Hügelkuppe, die die Grenze zwischen den beiden Gemeinden markiert und durch Maisfelder wieder hinunter, bis ich in Bastis Dorf ankomme.

Als ich an Bastis Haustür klingele, dauert es nicht lange, bis mir seine Mutter öffnet. Sie begrüßt mich freundlich, bittet mich herein zu kommen und bietet mir Wasser, Fanta oder Apfelschorle an. Ich entscheide mich für die Apfelschorle und bitte sie ein paar Eiswürfel dazu zu tun. Als ich nach Basti frage, meint sie, er sei noch nicht von der Schule zurück. "Ich wundere mich selbst schon, wo er bleibt. Es ist eigentlich nicht seine Art sich so lang zu verspäten. Ich habe schon versucht, ihn auf seinem Handy zu erreichen. Bislang allerdings ohne Erfolg.", sagt sie mir. Wir warten noch eine halbe Stunde, bis Bastis Mutter das Radio und den Fernseher anschaltet. Nahezu zeitgleich ertönt die Nachricht aus beiden Geräten: "Eilmeldung: Wie wir soeben erfahren haben, ist der Regionalbus von Sieckstadt nach Würmdorf heute um 13:30 Uhr am unbeschrankten Bahnübergang von Eibelsried von einem Schnellzug erfasst und gute 30 Meter mitgeschleift worden, bevor er auseinander brach und beide Hälften restlos ausbrannten. Keines der 30 Schulkinder hat diesen tragischen Unfall überlebt. Auch der Busfahrer, sowie 3 Rentnerinnen sind noch am Unfallort ihren schweren Verletzungen erlegen. Wie aus Polizeikreisen zu hören ist, steht der Lokführer des Schnellzugs unter Schock. Er und die Fahrgäste des Schnellzugs sind aber dem Vernehmen nach unverletzt geblieben." Während der Radiomoderator noch den Angehörigen der so plötzlich und tragisch Verstorbenen sein Beileid ausspricht, ist vom Fernseher zu hören: "Wir schalten nun direkt zur Unglücksstelle, von wo aus unsere Reporterin Evelyn Habermas live für Sie berichtet."

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