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Schicksalstage - Kapitel 1

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Es ist still. Kein Auto ist von der nahegelegenen Schnellstraße zu hören. Kein Vogel zwitschert in den Bäumen des Waldes, in dem ich langsam vorwärts gehe. In einiger Entfernung sehe ich ein junges Wildkaninchen. Ich nähere mich ihm vorsichtig und beobachte, wie es genüsslich an einigen herabgefallenen Zweigen knabbert. Außer ihm scheint der Wald heute seltsam leer zu sein. Habe ich sonst schon Rehe oder auch mal einen Fuchs gesehen und allerlei Singvögel gehört, scheint es heute so, als gäbe es nur mich und das junge Wildkaninchen. Da es langsam dunkel wird und ich zum Abendessen wieder zu Hause sein soll, nehme ich schweren Herzens Abschied von ihm und mache mich bedächtig und langsamen Schrittes auf den Rückweg. Ich nehme mir vor am nächsten Tag wieder zu kommen und zu sehen, ob ich das Wildkaninchen nicht mit etwas Futter anlocken kann. Das Haus meiner Eltern liegt am Waldrand. Es ist ein altes Landhaus mit einem üppigen Garten. Im Garten gibt es Apfel- und Kirschbäume, ein paar Beerenhecken, einige Gemüsebeete, einen Spielplatz und einen großen Pool, in dem ich im Sommer gern schwimme. Noch ist es dazu allerdings zu kalt. Als ich auf dem Heimweg durch den Garten schlendere, sehe ich, wie Timon, unser Gärtner, gerade das Laub vom letzten Herbst aus dem Pool fegt. Wir grüßen uns freundlich und unterhalten uns kurz über das Wetter und den kommenden Sommer. "In ein paar Wochen, wenn es wärmer und alles hergerichtet ist, werde ich wieder durch das azurblaue Wasser schwimmen können.", sage ich verträumt. "Darauf freue ich mich jetzt schon. Ach, übrigens, kannst du mir morgen ein paar Möhren besorgen?", frage ich Timon. "Ich möchte versuchen ein junges Wildkaninchen damit anzulocken." Timon verspricht es und wir verabschieden uns von einander.

"Hallo Olli", begrüßt mich meine Mutter, als ich das Haus betrete. "Hast du deine Hausaufgaben schon gemacht?" "Ja, Mama." "Geh und wasch dir die Hände, es gibt gleich Abendessen. Und richte dir die Haare. Vater ist da und du weißt ja, wie er ist." Ich gehe und tue, wie mir geheißen. Lust darauf habe ich zwar keine, aber es ist immer noch besser, als eine Schimpftirade meines Vaters wegen angeblich zerzauster Haare und dreckiger Hände über mich ergehen zu lassen. Kurz darauf sitzen wir alle am langen, massiven Eichentisch im Esszimmer. Mein Vater vor Kopf, meine Mutter rechts neben ihm. Daneben hat meine kleine Schwester Yasmina, das Nesthäkchen unserer Familie, wie üblich Platz genommen. Links von meinem Vater sitzt mein großer Bruder Tom, der mal wieder zu Gast ist. Ich sitze neben ihm. Bevor wir uns dem herrlich duftenden Tafelspitz, den unsere Köchin zubereitet hat, widmen können, spricht Vater ein kurzes Dankgebet. Nachdem wir alle mit "Amen." geschlossen haben, gibt uns Mutter der Reihe nach das Essen auf den Teller und schenkt Vater und sich von unserem Wein aus eigenem Anbau ein. Währenddessen fragt Vater Tom, wie er denn mit seinem Studium vorankäme. "Gut!", antwortet dieser. Das war seine Standardantwort. Mutter meinte immer, dass das schon seit seinen Kindergartentagen so gewesen sei. "Danke, das dachte ich mir schon.", sagt mein Vater mit leicht gereiztem Unterton. "Du hast doch neulich eine Klausur in VWL geschrieben. Wie ist die ausgefallen?", fährt er fort. "Och, ganz in Ordnung.", antwortet Tom. "Dafür, dass mir das Fach nicht so besonders liegt. Ich habe eine 3+ bekommen." "Nur eine 3+?", entsetzt sich mein Vater. "Ich hoffe du fängst bald damit an, dein Studium ernster zu nehmen. Immerhin sollst du später einmal unsere Firmengruppe übernehmen!", poltert er. "Nun beruhig dich mal, Eduard.", beschwichtigt ihn meine Mutter. "Der Junge ist erst im 3. Semester. Und VWL ist doch nun wirklich nicht besonders wichtig, um ein Unternehmen zu führen. Viel wichtiger sind da doch Führungskompetenz und Verhandlungsgeschick. In diesen beiden Disziplinen hat er dein Talent geerbt und auch sehr viel bessere Noten erzielt." "Ach ja? Na, wenn das so ist. Trotzdem ist eine 3 unter unserem Niveau. Egal in welchem Fach. Der Bengel soll sich gefälligst daran erinnern, welcher Familie er entstammt. Der Name Simmersbach steht schließlich schon seit Generationen für höchste Qualität.", erbost sich mein Vater weiter. "Hee, Leute. Das Essen wird kalt.", rufe ich dazwischen, um alle daran zu erinnern, weshalb wir hier eigentlich zusammensitzen. Während Yasmina und ich schon von dem köstlichen Rindfleisch, das noch besser schmeckt, als es riecht, den Kartoffeln und dem zarten Schwarzwurzelgemüse gegessen haben, sind die Teller von meinem großen Bruder und meinen Eltern noch unberührt. Nun fangen auch sie an zu essen. Das Tischgespräch wird jetzt etwas leiser. Vater erzählt von seiner letzten Geschäftsreise, von der er heute zurück gekommen ist und die nicht so erfolgreich verlaufen ist, wie er sich erhofft hatte. In den letzten 10 Minuten des Abendessens erzählt Yasmina noch von ihrem heutigen Ausflug mit ihren Schulfreundinnen. Sie haben ein nahegelegenes Höhlensystem besucht und hatten wohl eine Menge Spaß dabei. Ich hätte von meiner Begegnung mit dem jungen Wildkaninchen berichten können, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass das jemanden interessiert hätte.

Nach dem Essen gehe ich auf mein Zimmer, lege mich bequem auf die Couch und lese meinen aktuellen Adventureroman weiter. Nach einer Weile ruft mein bester Freund Basti an. Er erzählt mir ganz aufgeregt, dass seine Mutter seinen Vater, einen notorischen Säufer, nun endgültig vor die Tür gesetzt habe. Er habe das zwar schon immer befürchtet, jetzt da es so gekommen sei, nähme es ihn aber doch ganz arg mit, sagt er mir. Ich versuche ihn zu trösten und aufzumuntern, was mir jedoch nur teilweise gelingt. Ich verspreche ihm, mich morgen nach der Schule mit ihm zu treffen und wünsche ihm eine gute Nacht. Da die Zeit schon fortgeschritten ist, gehe auch ich nun zu Bett.


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In dieser Nacht träume ich, dass ich federleicht hoch hinaus zu den Sternen fliege. In einer mir unbekannten Galaxie treffe ich auf einem Planeten, auf dem der Himmel grün ist und zwei Sonnen und vier Monde gleichzeitig am Himmel stehen, mitten in einem dichten, roten Wald auf ein Wesen, das zur Hälfte aus einem Wolf und zur anderen Hälfte aus einem Schwan zu bestehen scheint. "Hallo, junger Mensch.", begrüßt mich der Schwolf. "Was treibt dich zu dieser Zeit durch den Nimmerwald?" "Hallo mächtiger Schwolf. Ich bin auf der Suche nach der braunen Träne. Habt ihr sie vielleicht gesehen?", antworte ich zu meinem eigenen Erstaunen. "Ich habe die braune Träne schon seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen junger Mensch.", erwidert der Schwolf. "Aber ich kann dir vielleicht trotzdem helfen. Wozu brauchst du die braune Träne denn?". "Die Mutter meines besten Freundes hat seinen Vater rausgeschmissen, weil er einfach nicht mit dem Trinken aufhören kann. Vom Habicht habe ich gehört, dass die braune Träne von Alkoholsucht befreien könnte. Nun suche ich also nach der braunen Träne, damit ich sie Bastis Papa geben kann und seine Eltern sich wieder versöhnen." Gerade in dem Moment fängt plötzlich mein Wecker an zu tuten und reißt mich jäh aus dem Schlaf.

Ich schlüpfe aus dem Bett und treffe auf dem Weg ins Bad meine noch völlig verschlafene Schwester Yasmina. Auf mein "Guten Morgen, Schwesterherz." antwortet sie gähnend "Guten Morgen". Da sie so aussieht, als müsste sie dringend gebe ich ihr den Vortritt und gehe zunächst die Treppe herunter in die Küche. Ich schalte das Radio an, das gerade die Hits der 90er und 00er Jahre zum Besten gibt, nehme mir eine Schüssel, ein Glas und einen Löffel und platziere alles auf der Theke. Als nächstes hole ich mir das Schoko-Kirsch-Knuspermüsli aus dem Regal und den Vanillejoghurt aus dem Kühlschrank. Zu guter Letzt presse ich mir am Automaten einen frischen Orangensaft. Während des Frühstücks trudeln nach und nach auch alle anderen Mitglieder meiner Familie außer meinem Vater in der Küche ein. Der ist schon früher raus und ist sicher schon auf dem Weg ins Büro. Nach dem Frühstück ziehe ich mich für den Weg zur Schule fertig an, nehme meinen Schulrucksack, in den unsere Köchin bereits mein Pausenbrot gepackt hat, und mache mich auf den Weg zum Schulbus.

Im Schulbus setze ich mich neben meinen Kumpel Damian. Wir sind seit der ersten Klasse immer in der gleichen Klasse gewesen, inzwischen also seit bald 9 Jahren. Während wir zur Schule fahren, erzähle ich ihm von der Trennung von Bastis Eltern und meinem Traum. "Wäre schon cool, wenn es eine solche braune Träne tatsächlich gäbe.", meint Damian. "So bleibt uns nichts als Basti aufzumuntern. Hast du die Mathehausaufgaben lösen können? Ich komme mit den Wurzelgleichungen irgendwie nicht so gut zurecht." "Ja, mir hat gestern mein großer Bruder dabei geholfen. Wir können uns ja dann in der Pause noch mal zusammen setzen.", antworte ich. "Ja, das wäre gut.", gibt Damian zurück.

In der Schule treffe ich auf Cassy, die eigentlich Cassandra heißt und eine Klassenstufe über mir ist. Obwohl es dafür nach meinem Empfinden eigentlich noch etwas zu kalt ist, trägt sie ein bauchfreies Top. So kann man ihr Bauchnabelpiercing mit dem roten Glitzersteinchen gut sehen. Mit ihren langen blonden Haaren, die sie zu vielen dünn geflochtenen Zöpfen trägt und den großen Ohrringen sieht sie echt klasse aus. Ich bin überglücklich, dass sie schon ein paar Mal mit mir ausgegangen ist und wir auf dem besten Weg sind, ein Paar zu werden. Als ich auf sie zugehe, lächelt sie mich mit ihrem gewinnenden Lächeln an. Wir begrüßen uns mit einem Kuss auf den Mund und schmiegen uns aneinander. Dann klingelt es zur Stunde und wir müssen uns trennen.

Nach zwei Stunden Deutsch schaue ich mir mit Damian noch mal die Mathehausaufgaben an, bevor diese in den beiden darauf folgenden Mathestunden abgefragt werden und das Thema weiter vertieft wird. In den letzten beiden Stunden haben wir Englisch, so wie jeden Donnerstag. Heute lässt uns Frau Weise, unsere Englischlehrerin, ein Diktat schreiben. Ich habe ein gutes Gefühl, immerhin lese ich ziemlich viele englische Bücher und weiß so recht gut, wie auch schwierigere Wörter geschrieben werden. Nach der sechsten Stunde treffe ich mich mit Cassy und Damian zum Mittagessen in der Schulkantine. Es gibt Spaghetti Bolognese und Pudding mit Himbeeren zum Nachtisch. Wir beratschlagen, wie wir Basti am besten helfen können und beschließen, am Wochenende eine Radtour zu unternehmen.

Nach dem Mittagessen fahre ich zuerst mit dem Bus nach Hause und dann mit dem Rad zu Basti. Er wohnt ein paar Dörfer weiter, genau ein Dorf zu weit, um mit mir in die gleiche Schule zu gehen. So geht er schon immer in die Nachbarschule und wir können uns nur nachmittags, am Wochenende und in den Ferien treffen. Ich fahre über Feldwege durch Wiesen, die durch die Regenfälle der letzten Tage in saftigem Grün stehen und den dunklen Wald, der den Hügel zwischen den Dörfern säumt. Hoch hinauf zur Hügelkuppe, die die Grenze zwischen den beiden Gemeinden markiert und durch Maisfelder wieder hinunter, bis ich in Bastis Dorf ankomme.

Als ich an Bastis Haustür klingele, dauert es nicht lange, bis mir seine Mutter öffnet. Sie begrüßt mich freundlich, bittet mich herein zu kommen und bietet mir Wasser, Fanta oder Apfelschorle an. Ich entscheide mich für die Apfelschorle und bitte sie ein paar Eiswürfel dazu zu tun. Als ich nach Basti frage, meint sie, er sei noch nicht von der Schule zurück. "Ich wundere mich selbst schon, wo er bleibt. Es ist eigentlich nicht seine Art sich so lang zu verspäten. Ich habe schon versucht, ihn auf seinem Handy zu erreichen. Bislang allerdings ohne Erfolg.", sagt sie mir. Wir warten noch eine halbe Stunde, bis Bastis Mutter das Radio und den Fernseher anschaltet. Nahezu zeitgleich ertönt die Nachricht aus beiden Geräten: "Eilmeldung: Wie wir soeben erfahren haben, ist der Regionalbus von Sieckstadt nach Würmdorf heute um 13:30 Uhr am unbeschrankten Bahnübergang von Eibelsried von einem Schnellzug erfasst und gute 30 Meter mitgeschleift worden, bevor er auseinander brach und beide Hälften restlos ausbrannten. Keines der 30 Schulkinder hat diesen tragischen Unfall überlebt. Auch der Busfahrer, sowie 3 Rentnerinnen sind noch am Unfallort ihren schweren Verletzungen erlegen. Wie aus Polizeikreisen zu hören ist, steht der Lokführer des Schnellzugs unter Schock. Er und die Fahrgäste des Schnellzugs sind aber dem Vernehmen nach unverletzt geblieben." Während der Radiomoderator noch den Angehörigen der so plötzlich und tragisch Verstorbenen sein Beileid ausspricht, ist vom Fernseher zu hören: "Wir schalten nun direkt zur Unglücksstelle, von wo aus unsere Reporterin Evelyn Habermas live für Sie berichtet."

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