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Schicksalstage - Kapitel 2

Bastis Mutter und ich sind zunächst völlig sprachlos. Tausend Fragen schießen mir durch den Kopf. War Basti in dem Bus? Wie konnte das passieren? Was sollten wir nun tun? Plötzlich bricht Bastis Mutter in Tränen aus und fängt an hysterisch zu schreien und ich fühle mich völlig hilflos und verzweifelt. Von dem Verhalten von Bastis Mutter und meiner eigenen Ohnmacht und Trauer übermannt, breche ich nun auch in Tränen aus. Nachdem wir eine Weile geweint haben, lassen unsere Tränen langsam nach und wir kommen langsam dazu, wieder klarere Gedanken zu fassen. Bastis Mutter will bei der Polizei anrufen, um festzustellen, ob sich ihr Sohn tatsächlich wie vermutet im verunglückten Bus befand. Sie bittet mich zu gehen und begleitet mich noch zur Tür. Ich komme gerade noch dazu ihr das Versprechen abzunehmen, mich anzurufen sobald sie mehr wüsste.

Langsam und schweren Herzens trete ich die Heimfahrt auf meinem Fahrrad an. Nach ein paar Metern halte ich an und versuche zuerst Damian und danach Cassy auf ihren Smart Phones zu erreichen. Bei beiden geht aber nur die Mailbox dran und so hinterlasse ich ihnen nur eine kurze Nachricht und die Bitte, mich zurück zu rufen. Ich will gerade wieder losfahren und habe meine Hände schon am Lenker, als plötzlich drei kohlrabenschwarze Krähen über mich hinweg fliegen und mir eine voll auf meine rechte Hand scheißt. Sie krächzen lauthals und es hört sich beinahe so an wie "Basti ist tot! Basti ist tot!". Danach klingt es, als würden sie in schallendes, höhnendes Gelächter ausbrechen. Völlig verdattert und angewidert versuche ich mit meiner linken Hand den Pack Tempos aus meiner rechten Hosentasche zu fischen, was sich als schwierig aber nicht unmöglich herausstellt. Nachdem ich mir die Vogelkacke von meiner rechten Hand gewischt und mich einigermaßen von dem Schreck erholt habe, mache ich mich wieder auf den Weg. Da ich keine Lust habe, noch mal den Hügel zu erklimmen, fahre ich den längeren Weg drum herum. In meinem Kopf gehen ständig die gleichen Fragen um: Ist Basti wirklich tot? Wie kann das sein? Warum? Haben die Krähen tatsächlich seinen Tod verkündet und verhöhnt oder fange ich langsam an zu spinnen? Und warum hat mich Bastis Mutter so einfach vor die Tür gesetzt? Hat sie denn gar kein Mitleid mit mir? Nach einer gefühlten Ewigkeit komme ich zu Hause an.

Ich stelle mein Fahrrad in der Garage hinter dem Maserati meines Vaters ab und gehe ins Haus. Auf halber Treppe kommt mir meine Schwester Yasmina, ein fröhliches Lied pfeifend, entgegen.

"Hi Bruderherz! Alles klar bei dir?", begrüßt sie mich freundlich.

"Alles andere als das.", gebe ich zurück.

"Basti ist höchstwahrscheinlich tot! Wir gehen davon aus, dass er in dem Regionalbus saß, der heute bei Eibelsried einen Unfall hatte und von einem Schnellzug erfasst wurde. Laut den Nachrichten hat es keiner der Insassen des Buses überlebt."

"Ist das wahr? Ach du Scheiße. Das tut mir echt leid für dich.", sagt meine Schwester betroffen. "Aber sicher ist das noch nicht?"

"Nein. Aber Basti kam nicht nach Hause und ist auch nicht ans Handy gegangen. Die Uhrzeit passt, die Buslinie sowieso. Es wäre also schon ein großes Glück, wenn er noch leben würde."

"Und wie geht es jetzt weiter?"

"Naja, zunächst warte ich mal, bis sich Bastis Mutter mit Neuigkeiten bei mir meldet."

"Ok, ich muss jetzt leider los, zum Klavierunterricht. Wir können ja heute Abend noch mal reden. Mach‘s gut."

"Ja, du auch, Schwesterchen."


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Ich gehe in die Küche, um mir einen warmen Kakao zu machen. Immer wieder schaue ich auf mein Smart Phone, doch noch rufen mich weder Cassy oder Damian zurück und auch Bastis Mutter lässt noch nichts von sich hören. Ich fühle eine seltsame Leere in mir und versuche sie mit ein paar Keksen zu stopfen. Obwohl sich mein Bauch langsam füllt, bleibt das Gefühl der Leere bestehen. Nachdem ich meinen Kakao ausgetrunken habe, gehe ich in mein Zimmer, um mich meinen Hausaufgaben zu widmen. Ich finde keine rechte Ruhe. Ungewissheit nagt an mir. Ich kann mich nur schwer konzentrieren. Mathe geht heute gar nicht. Auch Englisch fällt mir schwerer als sonst. Nach ein paar Vokabeln lasse ich meinen Stift ziellos über einen Notizblock wandern. Meine Gedanken hängen bei Basti. Plötzlich klingelt mein Smart Phone. Bastis Mutter ist dran und lässt aus nagender Ungewissheit schreckliche Gewissheit werden: Basti ist tot. Sein Personalausweis, den er erst vor drei Wochen zum 16. Geburtstag bekommen hatte, war im Portemonnaie einer halb verbrannten Jungenleiche, die Bastis Brille trug, gefunden worden. Sein Gesicht war total verbrannt. Daran hätte man ihn nicht mehr erkennen können.

Stille.

Schweigen.

Entsetzen.

Langsam rollt eine erste Träne über meine rechte Wange, dann noch eine.  Bald sind die Tränen unaufhaltbar und rinnen in Sturzbächen meine Wangen herab. Schluchzer entspringen meiner Kehle. Mein bester Freund ist auf tragische Weise und viel zu früh aus dem Leben geschieden. Das stand nun fest. Nie wieder würden wir gemeinsam feiern gehen, nie wieder uns über Lehrer und Eltern aufregen. Vorbei die Zeit als wir gemeinsam jungen Frauen nachschauten, Radtouren durch die nahen Hügelketten unternahmen und verbotenerweise auch mal einen Joint rauchten oder Freudenkekse backten, wie wir sie nannten.

Wie macht man weiter, wenn nichts mehr so ist, wie zuvor? Da ich merke, dass meine Blase drückt, gehe ich zunächst einmal aufs Klo. Danach durchsuche ich die Kommode meines Vaters nach Zigaretten. Obwohl ich sonst nicht rauche und auch Vaters Zigaretten nicht anrühren darf, brauche ich heute eine und er würde es angesichts der Umstände sicher verstehen. Ich finde die Schachtel Marlboro. Sie liegt, wie immer, in der rechten oberen Schublade vorne links neben dem Feuerzeug. Ich nehme mir eine Zigarette und das Feuerzeug und lege die Schachtel sorgfältig wieder an ihren Platz zurück. Wenn Vater etwas hasst, dann ist es Unordnung und wenn ich mir schon eine Zigarette bei ihm schnorre, will ich wenigstens nicht seinen Unmut heraufbeschwören, indem ich schlampig bin. Mit Zigarette und Feuerzeug in der Hand gehe ich auf die Terrasse. Ich lasse mich in einem der teuren Korbsessel nieder, strecke die Beine auf den Tisch und stecke mir die Zigarette an. Schon mit dem ersten Zug merke ich, wie sich eine wohlige Entspannung in mir breit macht. Mir kommt der Gedanke, dass es ja paradox sei, dass ich meiner Seele gut tue, indem ich meinem Körper schade, doch ich schiebe diesen Gedanken schnell beiseite. Auch die seit neuestem holographisch in den Rauch projizierte Warnung Rauchen sei tödlich, übersehe ich geflissentlich. Diese Gesundheitsfanatiker gönnen einem aber auch gar nichts und schrecken dabei nicht mal vor dem Einsatz von modernster Technik zurück. Stattdessen wird einem Yoga und Bäume umarmen und so ein Quatsch nahegelegt. Erst neulich war so eine Gesundheitstussi von irgendeiner Krankenkasse bei uns in der Schule und hat gemeint, sie müsste uns das vermitteln. Naja, zumindest werde ich so etwas von meinem Schmerz über den Verlust meines Freundes abgelenkt.

Ich bin fast fertig mit meiner Zigarette, als mich Cassy endlich anruft. Ich freue mich darüber, ihre Stimme zu hören und erzähle ihr die schrecklichen Neuigkeiten. Sie weiß zunächst gar nicht, was sie sagen soll und so schweigen wir eine Zeit lang gemeinsam.

"Mein herzliches Beileid, das ist ja echt furchtbar, es tut mir so leid für dich.", sagt sie jetzt. Ich bin wieder den Tränen nahe, kann einen Schluchzer gerade noch zurück halten. Gerade vor Cassy will ich mir diese Schwäche nicht erlauben, sondern stark sein. Sie soll bloß nicht denken, ich wäre ein Weichei.

"Wie geht es jetzt weiter? Ist die Beerdigung schon geplant?", fragt sie kurze Zeit später. Obwohl ich diesen Pragmatismus sonst sehr an ihr schätze, nervt er mich jetzt gewaltig. Meine Gefühle fahren Achterbahn und sie hat nur das Praktische im Kopf.

"Nein, und ich wüsste auch nicht, was dich das angeht.", blaffe ich zurück.

"Entschuldigung, war ja nicht bös gemeint. Ich weiß ja, wie schwierig das für dich sein muss. Trotzdem muss das Leben ja weitergehen. Und ein Toter muss nun mal beerdigt werden.", sagt Cassy.

"Da hast du wohl recht.", erwidere ich. "Aber nein, diesbezüglich ist meines Wissens noch nichts geplant. Bastis Mutter wird mich aber wohl rechtzeitig darüber informieren, wenn es soweit ist."

"Wollen wir die Radtour  mit Damian am Wochenende trotzdem machen?", kommt Cassy zum nächsten Thema.

"Ja, von mir aus gerne. Ein bisschen raus zu kommen, tut mir bestimmt ganz gut. Wir können ja die Strecke über die Weinberge meiner Eltern, vorbei an den Kapellen hin zur alten Burgruine nehmen. Auf dem Rückweg können wir dann am See vorbei fahren."

"Ja, das klingt super! Damian wird sicher damit einverstanden sein. Also dann machs gut, halt die Ohren steif. Ich liebe dich und das wird schon wieder. Ciao.", verabschiedet sich Cassy.

Völlig perplex sage ich ihr ebenfalls "Ciao, bis später!" und bedanke mich noch für die aufmunternden Worte. Dass sie mich liebt, hatte ich zwar gehofft, aber wir hatten uns das noch nie gesagt. Das jetzt von ihr zu hören, finde ich auf der einen Seite unglaublich schön. Auf der anderen Seite geht mir das jetzt doch ganz schön schnell. Es ist einfach ein bisschen zu viel auf einmal.

Als Damian mich kurze Zeit darauf anruft, lasse ich mein Smart Phone erst ein paar Mal klingeln, bevor ich das Gespräch schließlich doch noch annehme. Er erkundigt sich, wie es mir geht und ich erzähle ihm von dem tragischen Unfall des Regionalbuses und Bastis Tod. Ebenso wie Cassy, drückt er mir sein Mitgefühl aus und gibt mir ein paar aufmunternde Worte mit auf den Weg. Mit der Route für unsere Fahrradtour ist er einverstanden. Als ich ihm davon erzähle, dass Cassy mir gesagt hat, dass sie mich liebt, sagt er "Mensch, Alter. Cool! Das sind doch mal gute Neuigkeiten. Herzlichen Glückwunsch!"

"Danke. Ja, ich finds auch megacool! Andererseits ist mir das alles aber auch ein bisschen viel auf einmal. Ich konnte mich grad schon nicht auf die Hausaufgaben konzentrieren. Das macht es jetzt nicht einfacher.", antworte ich ihm.

"Ach, da mach dir mal keinen Kopf. Die Weise wird das sicher verstehen. Mathe haben wir eh erst wieder nächste Woche und in Deutsch hatten wir nur auf, einen Erlebnisbericht zu schreiben. Schreib einfach auf, was dir heute passiert ist. So machst du nicht nur deine Hausaufgaben, sondern klärst angeblich auch noch deine Gefühle und Gedanken. Das behauptet zumindest meiner Mutter immer."

"Ok, danke für den Tipp. Also dann bis später Kumpel!", verabschiede ich mich von ihm.

Statt mich meinen Hausaufgaben zu widmen, gehe ich aber lieber in den Garten und treffe auf Timon. Er hat die Karotten, um die ich ihn gebeten hatte, besorgt. Mit ihnen in der Hand mache ich mich auf den Weg in den Wald hinter unserem Haus. Ich hoffe, das kleine Wildkaninchen wieder zu treffen. Vielleicht schaffe ich es ja, dass es mir aus der Hand frisst. Ich habe schon immer etwas für Tiere übrig gehabt, durfte jedoch nie ein Haustier haben. Wenn ich das kleine Wildkaninchen dazu bringen könnte, mir aus der Hand zu fressen, könnte ich es vielleicht zähmen und es mir zum Haustier im Wald machen. Mit diesen Überlegungen im Kopf gehe ich behutsam den Wildpfad entlang, an dessen Rand ich den putzigen Langohr gestern gesichtet hatte. An einer alten Buche mache ich halt und halte Ausschau. Es dauert gar nicht lang, bis es sich zum ersten Mal blicken lässt. Es hüpft aus seinem Bau, schnuppert ein wenig und fängt dann an, an ein paar Zweigen zu knabbern. Vorsichtig lasse ich mich auf meine Knie sinken und strecke den Arm mit den Karotten in Richtung des kleinen Tieres. Es hebt den Kopf und hält inne.

Jetzt schnuppert es und hat scheinbar Witterung aufgenommen, denn es macht einen Satz in meine Richtung. Zögerlich kommt es näher, ganz so, als würde es dem Braten nicht trauen. Geduldig und mucksmäuschenstill warte ich, bis das kleine Wildkaninchen einen kleinen Sprung nach dem anderen in Richtung der Karotten macht. Zwischendurch hält es immer wieder an, schnuppert und vergewissert sich, dass es in Sicherheit ist. Endlich, nach einer gefühlten Stunde geduldigen Wartens, meine Knie schmerzen inzwischen vom langen Ausharren, endlich springt es mit einem letzten Satz zu den Karotten und fängt an, daran zu knabbern. Ich kann mein Glück kaum fassen und zittere etwas mit meiner Hand. Sofort zieht sich das kleine Wildkaninchen mit einem Satz zurück und beäugt die Karotten argwöhnisch.

Es dauert eine Weile bis es sich erneut traut, an die Karotten heranzukommen und davon zu nagen. Beim zweiten Versuch ist es aber weniger scheu und knabbert alsbald genüsslich am orangenen Gemüse. Ich denke kurz darüber nach, es zu streicheln, will mein Glück aber nicht überstrapazieren und lasse den Gedanken wieder fallen. Stattdessen lege ich den angeknabberten Bund Karotten vorsichtig auf den Waldboden und trete behutsam und immer darauf bedacht, keine lauten Geräusche oder hektischen Bewegungen zu verursachen, meinen Rückweg an. Bevor ich jedoch den Wald verlasse, schaue ich mich noch einmal um, beobachte das kleine Wildkaninchen noch ein paar Minuten beim Fressen und nehme dann leise Abschied von meinem neuen Freund.