X

Jetzt kostenlos registrieren
und über jedes neue Kapitel informiert werden!


Auch beim Erscheinen des Buches / Hörbuches informieren


Schicksalstage - Kapitel 3

Inzwischen ist es Abend geworden. Die Sonne taucht den Horizont in tiefes Rot, der Himmel schimmert in allen Regenbogenfarben. Ein paar Schäfchenwolken ziehen vorüber. Vor lauter aufwühlenden Ereignissen habe ich gar nicht richtig mitbekommen, welch schönes, sonniges Wetter wir heute hatten. Der Frühling steht in voller Blüte und es ist inzwischen auch wieder recht lang hell.

Zum Abendessen treffe ich meine Familie wieder und berichte ihnen von Bastis Tod durch den tragischen Unfall. Alle sind bestürzt. So etwas im Fernsehen zu sehen, ist eine Sache. Es hautnah mitzuerleben, aber noch mal eine ganz andere, sagen sie. Von Cassys Liebesgeständnis sage ich ihnen noch nichts, das behalte ich erst mal für mich. Als ich von meinem Erlebnis mit dem kleinen Wildkaninchen erzähle, lächelt mich meine kleine Schwester an und fragt, ob ich sie einmal mitnehmen würde. Mein großer Bruder schaut mich schief von der Seite an. Tiere sind seine Sache nicht. Das muss er von meinen Eltern haben, denn auch sie interessieren sich nicht sonderlich dafür. Der Fahrradausflug am Wochenende mit Cassy und Damian geht für meine Eltern am Samstag in Ordnung. Am Sonntag wollen wir Onkel Herbert und Tante Christa besuchen. Das Essen schmeckt wie üblich hervorragend. Da leistet unsere Köchin tatsächlich jeden Tag ganze Arbeit.

Nach dem Abendessen setze ich mich raus auf die Terrasse in die Korbmöbel und fange damit an, aufzuschreiben, was ich seit gestern Abend erlebt habe. Ich lasse alle Erlebnisse noch einmal Revue passieren und komme zu dem Schluss, dass der Tag doch nicht so schlecht war, wie es zwischenzeitlich den Anschein machte. Klar, der Tod meines besten Freundes Basti ist tragisch und hat mich tief erschüttert. Andererseits hat mir Cassy aber ihre Liebe gestanden und ich habe es geschafft, das kleine Wildkaninchen aus meiner Hand fressen zu lassen. Das muntert mich mehr als nur ein bisschen auf und gibt mir neue Hoffnung.


Jetzt registrieren und über jedes neue Kapitel informiert werden!


Auch beim Erscheinen des Buches / Hörbuches informieren



Ich beschließe den Tag zu beenden, indem ich Cassy ein Liebesgedicht schreibe. Obwohl es eigentlich nur für sie gedacht ist, möchte ich es euch nicht vorenthalten:

Cassy, liebste Cassy, mein,
Ich will für immer bei dir sein!
Rosen, Tulpen und Narzissen,
Keine sollst du je vermissen!

Cassy, liebste Cassy, mein,
Du bist mein goldner Sonnenschein!
Du bist mein Schatz, ich will dich ehren!
Und keinen Wunsch dir je verwehren.

Cassy, liebste Cassy, mein,
Ich lieb dich auch im Mondesschein!
Und sollten wir uns jemals trennen,
Wird uns die Welt nicht mehr erkennen.

In Ermangelung romantischen Briefpapiers, habe ich das Gedicht vorerst mal auf einem Notizzettel festgehalten. Ich werde sehen, dass ich mir in den nächsten Tagen passendes Papier besorge und Cassy das Gedicht in meiner schönsten Handschrift verfasse.

Zufrieden mit meinem Tagewerk, aber immer noch tieftraurig und schockiert wegen Bastis plötzlichem Tod, gehe ich zu Bett. In dieser Nacht träume ich nichts, woran ich mich erinnern könnte. Am nächsten Morgen wache ich aber mit einem merkwürdig beklemmenden Gefühl auf. Als ich darüber nachdenke, merke ich, dass mir der Verlust meines besten Freundes sehr zusetzt. Ich stehe auf, gehe durchs Bad, kleide mich an und gehe die Treppe herunter in die Küche, um zu frühstücken. In der Küche treffe ich Yasmina, die sich gerade einen frischen Orangensaft presst und bitte sie, einen für mich mit zu machen. Zur Abwechslung esse ich heute Morgen Toast mit Honig, Nutella und leckerer Ananas-Mango-Marmelade, die unsere Köchin selbst zubereitet. Da mir diese Marmelade sehr gut schmeckt, habe ich unsere Köchin einmal gefragt, wie sie die denn macht. Sie sagte, dass sei ganz einfach: Du nimmst eine frische Ananas und eine frische Mango. Der Ananas schneidest du oben die Kappe mit den Blättern ab und schälst sie dann mit einem Ananasschäler, so dass nur das Fruchtfleisch übrig bleibt. Die Mango schälst du und schneidest dann das Fruchtfleisch vom Kern. Das Fruchtfleisch von beiden Früchten schneidest du dann in kleine Würfel, wiegst sie ab und gibst genau ein Kilogramm in einen Topf. Dazu gibst du 500 Gramm Gelierzucker und mengst diesen unter die Fruchtfleischwürfel. Der Zucker entzieht dem Fruchtfleisch das Wasser, so dass du kein zusätzliches zum Aufkochen benötigst. Den Topf stellst du bei kleiner Flamme auf den Herd. Wenn die Fruchtfleischwürfel anfangen zu kochen, pürierst du sie mit einem Pürierstab. Nach nochmaligem Aufkochen, füllst du die Marmelade in Gläser ab und lässt sie auskühlen. Das war‘s.

Nachdem ich mit dem Frühstück fertig bin, schnappe ich mir meine Schultasche und mache mich auf den Weg zum Schulbus. Ich bin froh, dass unser Bus, anders als Bastis Bus, nicht über einen Bahnübergang fährt. Sonst hätte ich schon ein sehr mulmiges Gefühl. So ist alles in Ordnung. Aus irgendeinem Grund sitzt Damian heute noch nicht im Bus. Vielleicht ist er krank, vielleicht fährt ihn aber auch seine Mutter oder seine große Schwester mit dem Auto, überlege ich mir. Naja, ich werde es schon in der Schule herausfinden, denke ich mir dann. Vor der Schule angekommen, halte ich natürlich zuerst Ausschau nach Cassy. Ich sehe sie mit ihren Freundinnen zusammen in der Raucherecke auf dem Schulhof. Sie sieht wiederum fabelhaft aus, ich kann mich kaum an ihr satt sehen. Obwohl sie selbst vehemente Nichtraucherin ist, da ein Onkel von ihr wegen starken Rauchens an Lungenkrebs verstorben ist, pflegt sie die Gemeinschaft mit ihren rauchenden Freundinnen. Diesen Sinn für Gemeinschaft schätze ich an ihr sehr. Sie wird nicht müde auf die Gefahren des Rauchens hinzuweisen, geht aber nie soweit, dass es jemanden ernsthaft nerven würde. Sie hat Mitleid mit den Menschen, die so wie ihr Onkel am Glimmstengel hängen, weiß aber, dass Missionierungsversuche kaum etwas gegen die Sucht bewirken. Wenn schon die Schreckensbilder auf den Zigarettenschachteln und die Warnungen in den Hologrammen im Zigarettenrauch nichts bewirken, dann hat wohl auch das warnende Wort einer Freundin wenig Hoffnung auf Erfolg. Denn es ist ja nicht so, dass die Freundinnen die Gefahren und gesundheitlichen Konsequenzen nicht kennen würden, oder sie ihnen egal wären. Aber die Sucht ist einfach zu stark und mit bloßem Wissen und guten Willen nicht zu überwinden.

Meiner Faszination für Cassy tut all das keinen Abbruch, im Gegenteil. Ich komme ihr näher und bemerke, dass sie heute am rechten Oberarm eine Plastikfolie trägt, unter der das farbige Abbild eines Weißkopfseeadlers zu sehen ist. Ich gehe auf sie zu, nehme sie in die Arme und gebe ihr einen langen Kuss auf den Mund. Dann sage ich zu ihr "Hi, guten Morgen, Schatz. Hast du ein neues Tattoo?" Sie lächelt mich an und sagt, "Ja, gefällt es dir?", woraufhin ich antworte, "Ja, sieht toll aus!". "Und deine Eltern haben dir das erlaubt?", frage ich sie. "Naja, zuerst wollten sie nicht. Meinten ich solle mich nicht verschandeln lassen und dass das ja für die Ewigkeit wäre. Aber letztlich habe ich sie, wie bei meinem Bauchnabelpiercing, doch rumgekriegt und sie sind mit mir ins Tattoo Studio gefahren." "Hee, natürlich, das sollten sie auch. Es steht dir so gut und passt voll zu dir. Es wäre echt schade, wenn sie es verboten hätten. Und inzwischen kann man Tattoos doch rückstandsfrei entfernen lassen. Die Alten sollen sich also nicht so anstellen und aufhören wegen jeder Kleinigkeit rumzuzicken.", meint Fabi, eine von Cassys Freundinnen. Die anderen nicken zustimmend. Sie sind alle ein bisschen neidig auf Cassy, weil die sowohl das erste Piercing, als auch das erste Tattoo von allen Mädchen bekommen hatte. Die Mädchen diskutieren jetzt, welche Piercings und Tattoos wem stehen würden und welche Eltern sie erlauben oder verbieten würden. Plötzlich sagt Melissa, deren Eltern als stockkonservative Katholiken gelten, "Wetten, dass ich es schaffe, meine Eltern davon zu überzeugen, dass ich mir ein Septumpiercing stechen lassen darf?" Matze, ihr Freund, der dicht an sie geschmiegt dasteht und ihr grad einen Kuss auf die Wange gehaucht hat, gibt darauf zurück: "Hey Babe, ich weiß wie gern du so eins hättest und verdammt würdest du heiß damit aussehen. Aber wie du diese Wette gewinnen willst, versteh ich nicht. Und selbst wenn, Septumpiercings sind laut der Schulordnung verboten. Wenn du dir also wirklich eins stechen lassen willst, musst du nicht nur deine Eltern, sondern auch die Schulleitung davon überzeugen, dass das klargeht." In dem Moment klingelt die Pausenglocke und wir müssen alle zusehen, dass wir in unsere Klassenräume kommen.

Der letzte Schultag vor dem Wochenende verläuft ereignislos. Einzig, dass Damian mit einem Darmvirus zu Hause liegt, sorgt für ein gewisses Raunen in der Klasse. Frau Weise nimmt mich im Englischunterricht nicht dran, so dass nicht weiter auffällt, dass ich die Hausaufgaben nicht gemacht habe. Mittags treffen Cassy und ich uns wie jeden Tag in der Schulkantine. Heute gibt es Sauerbraten mit Kartoffeln und einen Apfel zum Nachtisch. Nach dem Essen gehen wir gemeinsam zur Bushaltestelle. Obwohl wir uns schon öffentlich geküsst und uns aneinander geschmiegt haben, Cassy mir gesagt hat, dass sie mich liebt und ich sie heute Morgen zum ersten Mal mit "Schatz" angesprochen habe, ohne dass sie was dagegen gehabt hätte, sind wir offiziell immer noch kein Paar. Ich beschließe das heute zu ändern und Nägel mit Köpfen zu machen.

Sobald wir an der Bushaltestelle ankommen, sage ich "Hey Cassy, lass uns in die Stadt fahren. Ich würde dir da gern etwas zeigen.". "Ok, klar gerne.", gibt sie zurück. Wir steigen also in den E-Bus in die Stadt und warten, dass er abfährt. Während wir Händchen halten und mit unseren Händen spielen, bemerke ich beiläufig: "Damian hat nen Darmvirus. Der wird also morgen ausfallen." "Das heißt, wir werden die Radtour morgen zu zweit machen?", gibt Cassy neugierig zurück. "Ja, sieht danach aus. Es sei denn du willst spontan noch jemanden dazu einladen.", erwidere ich. "Hmm, nö. Wir zwei allein, das wird bestimmt lustig werden.", antwortet sie und ein verschmitztes Lächeln spielt um ihre Lippen. Bei diesem Anblick wird mir plötzlich ganz warm ums Herz und in meiner Hose spüre ich ein leichtes Zucken. Ich kann es kaum abwarten, mit Cassy allein zu sein.

Doch zunächst fährt der Bus ab. Eine knappe halbe Stunde später kommen wir in der Stadt an. Wir steigen aus und gehen Hand in Hand vom Busbahnhof in die nahegelegene Fußgängerzone. Links und rechts säumen hübsche Fachwerkhäuser den Weg. Als wir an der Eisdiele vorbei kommen, frage ich Cassy, ob sie Lust auf einen Eisbecher hat. Hat sie. Wir gehen hinein und setzen uns an einen der runden Tische in der Nähe des Fensters. Weiße und violette Blumen zieren die Fensterbank. Auch auf den Tischen stehen kleine Vasen mit lieblich duftenden Hyazinthen. Die Kellnerin bringt uns die Eiskarte und wir wählen aus. Cassy nimmt einen Becher Tropical mit Vanille-, Mango- und Zitroneneis und frischen tropischen Früchten. Ich entscheide mich für einen Becher CocoSun und hoffe, dass das Schoko- und Kokoseis durch die Sonne nicht schon geschmolzen ist. Flirtend und locker plaudernd genießen wir unsere Eisbecher, die ein Erlebnis für den Gaumen sind. Kein Wunder, dass diese Eisdiele bis weit über die Stadtgrenzen hinaus für ihr köstliches Eis bekannt ist. Wie oft bin ich mit Basti hier auf einen leckeren Becher Eis hergekommen. Plötzlich bricht der Schmerz seines Verlustes wieder über mich herein. Cassy muss es wohl bemerkt haben, denn sie fragt, was ich hätte. "Ich bin oft mit Basti hier gewesen und musste grad an ihn denken. Sorry, ich wollte unsere schöne Stimmung nicht vermiesen.", antworte ich. "Ist schon in Ordnung. Das kann ich gut verstehen.", gibt sie mitfühlend zurück. Wir unterhalten uns noch eine Weile über Basti und meine Erlebnisse mit ihm. Cassy hört aufmerksam zu und bald ist mir schon nicht mehr so schwer ums Herz. Jetzt weiß ich, warum man sagt, geteiltes Leid ist halbes Leid.

Nachdem wir unsere Eisbecher leer gegessen haben, machen wir uns wieder auf den Weg. Wir schlendern Händchen haltend durch die Fußgängerzone und schauen mal in dieses, mal in jenes Geschäft herein. Als wir am Brunnen mit den wasserspeienden Drachen und den sich räkelnden Jungfrauen ankommen, setzen wir uns an den Rand und schauen dem plätschernden Wasser zu. Sitzen wir zunächst zwar Händchen haltend aber doch noch locker und mit etwas Abstand, nähern wir uns, wie von einer unsichtbaren Kraft gezogen, immer weiter aneinander an. Schließlich finden sich unser beider Hände und unsere Münder. Die Welt um uns herum vergessend, fangen wir nun an, uns heiß und innig zu knutschen. Unsere Zungen spielen mit einander und fahren ekstatisch über unsere Lippen. Wir fangen an einander ein wenig an den Lippen zu knabbern und ich habe Mühe, meine Hände nicht auf Cassys Brüste wandern zu lassen. Obwohl ich auch vor Cassy schon die eine oder andere Erfahrung mit Mädchen gemacht habe, habe ich mich doch noch nie öffentlich so wild und leidenschaftlich mit einem geküsst. Wohlige Schauer durchziehen meinen Körper und in meinen Lenden regt sich etwas und schwillt an. Nach einer Weile lässt die Leidenschaft langsam etwas nach. Mit Cassy so innig zu werden, tut unheimlich gut. Ich fühle mich von Kopf bis Fuß gestärkt und mein Herz fliegt Cassy zu. Leise frage ich sie: "Cassy, willst du meine Freundin sein?". "Ja, Olli, ich will.", sagt sie verträumt. "Oder bin ich das nicht schon längst?", fügt sie augenzwinkernd hinzu. Mein Herz schlägt Purzelbäume und geht über vor Freude. Vorsichtig, als könnte ich sie oder ihren Entschluss meine Freundin zu sein, zerbrechen, hauche ich ihr einen Kuss auf die Lippen. Es dauert nicht lang und wir küssen uns erneut mit ganzer Leidenschaft und Hingabe.

Etwas später, wir konnten uns inzwischen wieder etwas voneinander lösen, schauen wir den Drachen noch ein wenig beim Wasserspeien zu. Dann stehen wir auf und setzen unseren Spaziergang durch die Fußgängerzone fort. Nicht weit vom Brunnen entfernt, ein wenig versteckt in einem Seitengässchen, liegt ein kleines, exklusives Juweliergeschäft. Ich gehe mit Cassy darauf zu, als plötzlich zwei Krähen über unsere Köpfe hinweg fliegen. Etwas irritiert schaue ich Cassy an, doch sie scheint es nicht gestört zu haben. Nach dem gestrigen Vorfall mit den Krähen, die Bastis Tod verkündet haben, bin ich wohl etwas überspannt. Wir betreten das Juweliergeschäft und ich kaufe Cassy zur Besiegelung unserer Freundschaft einen zierlichen Goldring mit einem kleinen, rotschimmernden Rubin darin. Cassy ist überglücklich und gibt mir, kaum dass wir das Juweliergeschäft verlassen haben, einen hauchfeinen, prickelnden Kuss. So muss Liebe sein, denke ich mir.

Weiterlesen in Kapitel 4