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Schicksalstage - Kapitel 5

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Die nächsten Tage verlaufen relativ ereignislos. Ich gehe jeden Tag zur Schule und treffe mich nachmittags entweder mit Cassy, Damian oder auch mal mit beiden. Ich weiß nicht warum, habe aber das Gefühl, dass die beiden sich nicht wirklich gut ausstehen können. Und das ausgerechnet jetzt, wo ich beide als Freunde brauche.

Gegen Abend schaue ich meistens noch nach meinem kleinen Wildkaninchen, das sich immer mehr an mich gewöhnt hat und sich inzwischen auch von mir streicheln lässt. Mich mit ihm zu beschäftigen, lenkt mich von der Trauer über Bastis Tod ab und hilft mir recht gut dabei, über den Verlust meines Freundes hinweg zu kommen. Auch die Anteilnahme meiner Familie hilft mir über die eine oder andere schwere Stunde hinweg. Insbesondere meine kleine Schwester ist mir ein treuer Beistand. Gestern habe ich sie mit zu meinem Wildkaninchen genommen. Sie war hell auf begeistert. Einzig, dass sich das Wildkaninchen von ihr nicht streicheln lassen wollte und schnell das Weite gesucht hat, fand sie nicht so toll. Cassy findet es ebenfalls echt süß, dass ich ein so zutrauliches, kleines Wildkaninchen im Wald hinter meinem Haus habe. Heute oder morgen werde ich sie auch mal mitnehmen.

Genau eine Woche nach Bastis Tod ruft mich seine Mutter an, um mir mitzuteilen, dass Bastis Beerdigung am Samstag in 14 Tagen stattfindet. Als ich sie frage, warum sich das denn noch so lange hinzieht, erklärt sie mir: "So, wie ich das verstanden habe, dauern wohl die forensischen Ermittlungen bezüglich des Unfalls noch an. Basti kann, zusammen mit allen anderen Unfallopfern, wohl erst nach deren Abschluss beerdigt werden. Außerdem wird auch noch untersucht, ob und wie der Unfall hätte vermieden werden können. Wie du ja weißt, verkehrt der Schnellzug erst seit kurzem auf dieser Bahnstrecke. Der Bahnübergang hätte beschrankt werden müssen, sobald die Strecke für den Schnellzug freigegeben wurde. Diese Schlamperheinis von der Bahn haben das aber ganz offenbar vergessen. Da musste erst mein Sohn sterben, damit denen das mal auffällt. Ich hoffe mal, dass denen vor Gericht ordentlich die Leviten gelesen werden!", schließt sie erbost.

"Vielen Dank für die Erklärung, Frau Köhler. Das es erst soweit kommen musste, ist wirklich unfassbar. Ich hoffe mal, dass der Bahnübergang jetzt so schnell wie möglich beschrankt wird, bevor noch so eine Katastrophe passiert.", überlege ich laut.
  "Ja, Olli, da mach dir mal keine Sorgen.", entgegnet mir Bastis Mutter mit vor Entrüstung erregter Stimme. "Schon am Wochenende war die Schranke installiert. So schwierig war das offenbar nicht, nachdem etliche Leute gestorben sind. Ich kann wirklich nur hoffen, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden! Das macht meinen Sohn auch nicht wieder lebendig, aber vielleicht kann ich wieder ruhiger schlafen, wenn ich weiß, dass diese Halodries für ihre Schlampereien büßen müssen."
  "Hmm", antworte ich, weil ich nicht genau weiß, was ich sagen soll. Nach einer Weile füge ich hinzu: "Ja, Frau Köhler, da kann ich Ihnen nur zustimmen. Ich hoffe auch das Basti und allen anderen Unfallopfern Gerechtigkeit zuteilwird." Wir verabschieden uns von einander und legen auf.

Ich bin noch tief bewegt und bete, dass tatsächlich Gerechtigkeit geübt werden würde, fühle mich gleichzeitig aber seltsam ohnmächtig. Ich bin tief erschüttert über das Ausmaß und die verheerenden Folgen menschlichen Versagens und es fällt mir schwer wieder zum Alltag über zu gehen. Zum Glück habe ich heute meine Hausaufgaben schon erledigt, so dass ich zu unseren Nachbarn gehen kann, um mit deren Hund, einem Golden Retriever namens Benno, Gassi zu gehen. Der Tag neigt sich schon dem Abend entgegen und die laue, klare Luft tut mir gut. Benno merkt, dass ich noch immer etwas verstimmt bin und versucht mich aufzuheitern, indem er Stöckchen aufliest. Bald nehme ich die Aufforderung an und wir spielen Stöckchen holen.

Den nächsten Samstag verbringe ich wieder mit Cassy. Wir gehen ins Schwimmbad in der Stadt. Nachdem wir etliche Bahnen geschwommen und ein paar Mal um die Wette gerutscht sind, gehen wir in den Grottenbereich, der scheinbar extra für Verliebte eingerichtet wurde. In der Grotte gibt es Whirlbänke, die zum entspannen und kuscheln einladen. Ich bin gerade dabei, mich an Cassy anzuschmiegen, als sie sagt: "Schatz, seit wann kennst du Damian eigentlich?"
  "Seit bald neun Jahren. Er ist mit seinen Eltern in unser Dorf gezogen, kurz bevor er in die Schule kam. Seit der ersten Klasse waren wir dann immer zusammen in der Klasse. Warum?", erwidere ich.
  "Ich habe ihn ja erst durch dich kennen gelernt und irgendwie ist er mir nicht wirklich sympathisch. Er verhält sich immer so dermaßen kindisch, dass es mir echt peinlich ist, wenn wir zu dritt unterwegs sind.", erklärt Cassy.
  "Hmm, ok. Wir müssen ja nicht unbedingt was mit ihm gemeinsam unternehmen. Nur weil er mein Kumpel ist, muss er ja nicht auch deiner werden.", wende ich ein. Cassy gibt sich damit zufrieden und wir fangen damit an, uns zu streicheln und zu küssen.

Einige Tage später treffe ich mich nachmittags mit Damian zum Billard spielen. Nachdem ich zwei Runden nacheinander knapp gewonnen habe, meine ich zu ihm: "Hey Alter, Lust auf ne Cola? Du schlägst mich ja heute doch nicht mehr!"
  "Sei dir da mal nicht so sicher!", gibt Damian zurück. "Wir können uns ja erst mal mit ner Cola stärken und dann sehen, wer von uns aus fünf Runden mehr gewinnt!"
  Gesagt, getan. Wir gehen zur Theke und bestellen zwei eisgekühlte Colas. Damian fragt: "Und wie läuft's mit dir und Cassy?"
  "Ganz gut.", gebe ich knapp zurück.
  Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich Damian von Cassys Unbehagen ihm gegenüber erzählen soll, entscheide mich dann jedoch dagegen. Stattdessen fahre ich fort: "Wir kommen super miteinander zurecht, teilen viele Interessen und im Bett ist sie eine echte Granate."
  "Das freut mich für dich. Ich weiß zwar nicht so recht, was du an der arroganten Schnepfe findest, aber wenn du mit ihr glücklich bist, soll's mir recht sein."
  Wir trinken unsere Colas aus und gehen zurück zum Billardtisch. Das Glück dreht sich nun etwas. Damian gewinnt die nächsten beiden Runden. So kommt es zur alles entscheidenden letzten Runde.

Nachdem Damian und ich die Billardkugeln auf den Tisch gelegt haben und Damian sie in die Startaufstellung gebracht hat, habe ich den ersten Stoß. Ich platziere die weiße Kugel auf der Grundlinie. Mit dem Queue stoße ich sie so, dass die Kugeln wild durcheinander rollen. Eine Halbe läuft dabei in die hintere linke Tasche. So bekomme ich die Halben und Damian die Ganzen. Nach einem missglückten weiteren Stoß ist Damian an der Reihe. Geschickt spielt er die Weiße so, dass er zwei seiner Kugeln versenkt. Er ist noch einmal dran. Es gelingt ihm aber nicht, eine weitere Kugel einzulochen. Ich bin nun wieder dran und ziele mit dem Queue so, dass die Weiße halb angeschnitten wird und durch den Effet genau die grüne Kugel versenken müsste. Dummerweise rutsche ich aber ab und stoße die Weiße mittig. Dadurch rollt sie direkt gerade aus, trifft auf die schwarze Kugel mit der Nummer 8, versenkt sie und ich habe verloren.

Zunächst noch völlig verdattert, könnte ich mich grün und blau ärgern. Ich versuche zwar die Fassung zu bewahren, ein "Verdammte Scheiße!" rutscht mir dennoch raus. Nachdem ich mich etwas abgeregt habe, gratuliere ich Damian zum gewonnenen Spiel. Er meint nur lakonisch, "Tja, wer zuletzt lacht, lacht am besten!", was mich wiederum recht arg wurmt. Etwas entgegen kommend meint Damian dann, "Ach, mach dir nichts draus Alter. Nächstes Mal gewinnst du wieder." Wir verlassen den Billard Club und machen uns auf den Heimweg.

Am Samstag, anderthalb Wochen später, ist Bastis Beerdigung. Neben meiner Familie begleiten mich auch Cassy und Damian. Die Rivalität zwischen beiden um meine Aufmerksamkeit ist spürbar. Ich hatte gehofft, sie könnten sich zumindest an diesem wichtigen Tag etwas zurückhalten. Doch obwohl sie es mit keinem Wort aussprechen, kann ich ihre gegenseitige Ablehnung klarer aus ihren Blicken lesen, als mir lieb ist. Reichte es nicht, dass mein bester Freund mitten aus dem Leben gerissen wurde? Mussten sich jetzt auch noch die zwei Menschen, die mir außer meiner Familie am wichtigsten waren, gegenseitig so wenig ausstehen können? Nicht nur in Sachen Wetter hatte es heute noch mal einen ziemlichen Kälteeinbruch gegeben.

Um die Angehörigen, Klassenkameraden, Lehrer und sonstigen Betroffenen nicht über Gebühr zu strapazieren, werden alle Schüler, die Opfer des Verkehrsunfalls geworden waren, zusammen beigesetzt. Der Pastor der Dorfkirche hält eine bewegende Rede.

"Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrter Herr Landrat, sehr geehrter Herr Direktor, liebe Eltern, Geschwister und Freunde, liebe Lehrer und Klassenkameraden, liebe Trauergemeinde, wir haben uns heute hier im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes versammelt, um der Schüler, die vor etwas über drei Wochen Opfer des tragischen Verkehrsunfalls geworden sind, zu gedenken und um ewigen Frieden für ihre Seelen zu erbitten.

Wenn junge Menschen so plötzlich aus dem Leben gerissen werden, hinterlassen sie tiefe Lücken. Träume und Zukunftspläne sind jäh zerstoben. Kinder haben ihre Freunde, Eltern ihre Kinder, Lehrer ihre Schüler und Schüler ihre Klassenkameraden verloren.

Wir denken an alle schönen Momente, die wir mit ihnen verbrachten. Wir denken an alles Lachen, an alle Freude, aber auch an manchen Schabernack. Wir denken an ihre Pläne und ihre kleinen und großen Vorhaben. In tiefer Trauer um sie sind wir heute verbunden. Was kann uns in dieser Situation Trost spenden, was Hoffnung geben?

Als Hinterbliebene liegt es nun an uns, uns gegenseitig zu trösten, uns Zeit für einander zu nehmen, einander zuzuhören. Wir sind aufgefordert uns auch praktisch um einander zu kümmern und auch wenn das die Verstorbenen nicht ersetzen kann, für einander da zu sein. So wie auch unser Herr Jesus sagte, 'Siehe Mutter, dein Sohn.' und 'Siehe Sohn, deine Mutter', bevor er am Kreuz verstarb und seinen Lieben so auftrug, sich um einander zu kümmern, ist es nun an uns für einander da zu sein.

Der Herr Jesus hat uns allen vor seinem Tod einen Beistand und Tröster versprochen. Dieser Tröster ist der Heilige Geist. Er befähigt jeden, der ihn empfängt, zu jedem guten Werk. Er tröstet, liebt und heilt alle Wunden, die durch den Verlust der Verstorbenen geschlagen wurden.

Herr, unser Gott, wir bitten dich nun, nimm unsere auf so tragische Weise verstorbenen Kinder, Geschwister, Schüler, Klassenkameraden und Freunde an, sei Du ihnen gnädig, lass sie in dein Himmelreich ein und schenke ihnen ewigen Frieden.

Herr, unser Gott, wir bitten dich, tröste Du uns, richte uns auf, gib uns neue Hoffnung und Kraft durch deinen Heiligen Geist. Lass uns für einander da sein und uns in dieser schweren Zeit gegenseitig beistehen und helfen. Öffne unsere Herzen, so dass wir auch Hilfe annehmen können und heile Du alle Wunden, die durch den plötzlichen Verlust geliebter Menschen gerissen wurden.

Das erbitten wir im Namen Jesu Christi. Amen."

Nachdem wir noch einige Kirchenlieder gesungen haben, gehen wir in andächtiger Prozession von der Dorfkirche zum nahe gelegenen Friedhof. Vier starke Männer pro Grab heben die Särge an und lassen sie langsam in die Gräber herab. Ich werfe Blumen in Bastis Grab, halte inne und nehme leise Abschied von meinem Freund. Meine Familie, Cassy und Damian tun es mir gleich.

Sobald das Begräbnis beendet ist, fahren wir zurück in unser Dorf und kehren in die Dorfgaststätte zum Leichenschmaus ein. Obwohl es vorzüglich schmeckt, habe ich kaum Appetit und stochere mehr auf meinem Teller herum, als das ich esse. Meine Mutter, die mir gegenüber sitzt, bemerkt es und wirft mir einen aufmunternden Blick zu. Allein ich bin zu missmutig um ihn zu erwidern.

Nach dem Essen fahren mein Vater und ich Damian und Cassy nach Hause. Nachdem wir zunächst Damian rausgelassen haben, hebt sich meine Stimmung etwas. Die Spannung zwischen ihm und Cassy hat nicht eben zu meinem Wohlbefinden beigetragen. Jetzt, da er weg ist, geht es mir besser. Es dauert nicht lange, bis wir in Cassys Dorf angekommen sind und auch sie unser Auto verlässt. Wie üblich gebe ich ihr noch einen Abschiedskuss. Dann sind wir auch schon wieder auf der Rückfahrt. Mein Vater, zu dem ich sowieso nur ein eher oberflächliches Verhältnis habe, spricht mich nicht auf mein Befinden an. Vielleicht ist er in Gedanken schon wieder bei seinen geschäftlichen Problemen. Vielleicht will er sich aber auch einfach keine Abfuhr von mir abholen. Dabei würde ich jetzt gern mit ihm reden, finde aber nicht die richtigen Worte. So kommen wir ohne ein Wort gewechselt zu haben zu Hause an.

Den Rest des Tages verbringe ich im Kreise meiner Familie und denke noch oft an Basti und unsere vergangenen Zeiten zusammen. Am Nachmittag versuchen meine Geschwister, mich ein wenig aufzuheitern und schlagen vor, gemeinsam Monopoly zu spielen. Ich willige ein und so sitzen wir bald zusammen und kaufen Bahnhöfe und Straßen und bauen Häuser und Hotels. Zu meiner eigenen Verwunderung schlage ich mich ganz gut und gehe am Ende als Sieger aus dem Spiel hervor.

Gegen Abend gehe ich allein mit etwas Futter in den Wald. Ob sich das kleine Wildkaninchen wohl heute wieder blicken lässt?


Fortsetzung folgt...